Interview mit Tobias Koch: Über Robert Schumann, das »Album für die Jugend« und mehr
Geschrieben von Sal Pichireddu in Interviews. auch → Interview mit Tobias Koch (Januar 2010)
Schon das erste Interview mit Tobias Koch (s. oben) auf diesen Seiten, im Januar anlässlich der CD “Robert und Clara Schumann: Klavierwerke aus Dresden” (erschienen auf Genuin; »CD des Monats Januar 2010«, s. auch die → Besprechung auf blog.codaex.de) veröffentlicht, war eine höchst vergnüglich zu lesende, höchst aufschlussreiche Lektüre, die viel über den Künstler Tobias Koch und sein Verständnis von Robert Schumann (und darüber hinaus) offenbarte. Der Düsseldorfer Pianist ist halt nicht nur ein bemerkenswerter Musiker, sondern auch ein eloquenter, wortwitziger Gesprächspartner.
Anlässlich der vor einigen Wochen erschienenen Doppel-CD “Klaviermusik für die Jugend” (ebenfalls erschienen auf Genuin; »CD des Monats Mai 2010«, s. auch die → Besprechung auf blog.codaex.de) hatte ich erneut das Vergnügen, Tobias Koch einige Fragen stellen zu dürfen. Ich habe versucht, meine Fragen vor allem auf das neue Album zu beziehen, aber wie schon das letzte Mal war die Verlockung zu groß, den Bogen im Gespräch mit Herrn Koch etwas weiter zu spannen. Wie schon beim ersten Mal ist das Interview ungekürzt.
Das neue Album “Klaviermusik für die Jugend” ist vor einigen Wochen erschienen und es hat, vielleicht auch wegen des populären Materials darauf, für noch mehr Aufmerksamkeit in der Fachpresse gesorgt, als die vorangegangene Veröffentlichung “Klaviermusik aus Dresden”. Wie fühlt man sich als Everybody’s Darling der deutschen Schumann-Interpreten? Und wichtiger noch: Bemerkt man die Aufmerksamkeit der Fachpresse bei den Konzerten? Kommen nun mehr Besucher als zuvor – oder andere?
Tatsächlich, “Der fröhliche Landmann” und Co. sind auch heutzutage offenbar viel populärer als ich gedacht habe! Das muss ich Ihnen jetzt einfach erzählen: Vorgestern habe ich unterwegs in der S-Bahn zufällig eine verswingte “Landmann”-Version für Akkordeon gehört, und die hat mir sehr gut gefallen. Am Abend habe ich das Stück dann nach einem Konzert ganz spontan als Zugabe gespielt – und gegen Ende zu meinem Erschrecken einen kapitalen Fehler eingebaut. Das war aber offenbar gar nicht so schlimm, hat eher für ziemliche Heiterkeit im Publikum gesorgt … und ich musste auch lachen. Kann passieren! Das Stück scheint jede und jeder zu kennen, und die Aufmerksamkeit, welche die beiden CDs momentan erhalten, kommt zu einem Großteil bestimmt daher. Ich muss aber dazu sagen, dass ich als Kind nur drei, vier Stücke aus dem Jugendalbum gelernt habe. Beinahe alles war also ganz neu für mich, und – ehrlich gesagt – habe ich mir mit der Aufnahme auch einen persönlichen Wunsch erfüllt. Schumann ist da wirklich bestens gelaunt und inspiriert. Mit wie viel liebevollem Ernst er das alles komponiert hat!
Apropos »Darling«: Wenn andere die Aufnahme mögen, freut mich das natürlich sehr. Nach Konzerten kommen immer wieder Leute, die sich wundern, dass ich anders gespielt habe als auf den CDs. Es ist doch ein gutes Zeichen, dass es viele Möglichkeiten mit diesen Stücken gibt. Darum spiele ich auch immer nach Noten im Konzert. Ich fühle mich dann einfach freier, weil ich die Partitur stets neu entdecken kann und dann für mich keine Gefahr besteht, einer wie auch immer festgefahrenen, verinnerlichten CD-Interpretation zu folgen. Zu den Konzerten kommen ja vor allem Leute, die sich für die Klaviere aus dem 19. Jahrhundert interessieren, nicht unbedingt nur Fachpublikum, aber oft eben doch sehr gezielt. Außerdem stehen diese Instrumente meistens an besonders schönen Orten, in Schlössern, oder Museen – und natürlich genieße ich die schöne Umgebung da auch sehr. Das ist schon Luxus!
Stört es Sie nicht, wenn Sie als ‘Herr Schumann’ stilisiert werden? Oder anders gefragt: Haben Sie nicht manchmal Angst davor als “One Trick Pony” abgestempelt zu werden, also als einer, der nur Schumann spielt und spielen kann, vielleicht noch etwas Romantisches drumherum, aber keiner, dem man Bach, Beethoven, Rachmaninov, Skriabin oder Philip Glass ernsthaft auf dem selben Niveau zutraut, wie eben Schumann? Könnte man Ihnen Bach, Beethoven, Rachmaninov, Skriabin und Glass zutrauen, will sagen: Haben Sie Interesse an anderen nicht-romantischen Komponisten. In ihrer Diskografie sieht es – bis auf eine Mozart-Veröffentlichung – sehr romantisch aus.
Verehrter Herr Codaex, bei Schumann ist noch so viel zu entdecken für mich, dass ich gerne noch ein wenig damit weitermachen will, da spüre ich gar keine Müdigkeit. Viel eher eine wachsende Vertrautheit, mit der sich gut leben lässt. Außerdem war von Anfang an mit Genuin eine Schumann-Serie geplant. Auf jeder Platte finden sich ja mehrere Erstaufnahmen. Und auch die wechselnden Instrumente sind immer eine Entdeckung. Viel Neuland also. Das braucht alles seine Zeit und ist für mich keine schnelllebige Angelegenheit. Die Arbeit am Schumann-Projekt bedeutet auch, die ganzen Klavierschulen seiner Zeit zu studieren, Aufführungspraktisches zu analysieren und weiter zu forschen.
In den Konzerten der letzten Monate habe ich aber auch Bach, Johann Nepomuk Hummel, Mozart, Beethoven, Schubert, Gershwin, Messiaen und zwei Uraufführungen gespielt. Aber die musikalische Romantik ist natürlich zurzeit ein Schwerpunkt. Ich betrachte diese Epoche aber nicht abgeschlossen für sich, sondern sehe immer, was davor, und was danach kam, aus der Perspektive eines möglichst entspannten Hier und Jetzt. Da fließt alles mit ein, und so hoffe ich, frisch zu bleiben für weitere Entdeckungsreisen, wohin auch immer sie gehen werden.
Wäre es schändlich, wenn man als Pianist sich quasi auf einen Komponisten konzentriert? Oder wäre das nicht auf Dauer furchtbar langweilig und zu wenig herausfordernd?
Das Repertoire für Klavier ist so immens, dass man ehrlicherweise angesichts des überwältigenden Repertoire-Angebots eigentlich nur die Waffen strecken kann. Also alle zehn Finger und beide Füße weit weg vom Boden der Tatsachen! Tuba sollte man spielen … Herausforderung bedeutet für mich vielmehr, die Vielfalt in einer Sache zu suchen und zu finden. Es hängt aber auch sehr mit der gesamten Herangehensweise zusammen. Ich gehe ja immer vom Instrument aus, als Schlüssel zur Musik, und da bin ich nun bei dieser unglaublich bereichernden Vielfalt an instrumentalen Möglichkeiten des Klavierbaus im 19. Jahrhundert gelandet. Romantische Aufbruchstimmung ist mein Stichwort, auch als Spiegelbild der gesellschaftlichen Veränderungen dieser Zeit.
Gemischte-Salat-Programme kann ich einfach nicht, glauben Sie mir! Eine strenge Pavane von John Bull, eine duftige Clementi-Sonate, und einen knackigen Rachmaninov kann ich mir auf dem gleichen Instrument im gleichen Konzert absolut nicht vorstellen. Musikalisches Esperanto existiert für mich nicht. Da versagt mein rhetorisches Vorstellungsvermögen. Das Schöne ist aber, das man über Geschmack nicht streiten kann. Will sagen: Man kann genau darüber streiten! Jeder soll es so halten, wie er meint – das macht es erst lebendig.
Ich weiß, Sie sehen die Aufnahmen auf CD-Veröffentlichungen nur als “Momentaufnahme”, die niemals einen endgültigen Charakter besitzen können und wie viele Künstler hören Sie Ihre CDs nicht selbst (was ja auch sehr narzisstisch wäre), aber ich möchte es dennoch etwas genauer wissen: Sie sprechen im Beiheft von der besonderen Atmosphäre, die diese Aufnahmen beseelt: »Ich kann mich nicht entsinnen, mich selber jemals in so guter musikalischer Laune befunden zu haben wie während der vier Abende, an welchen diese Einspielung in einem Kölner Rundfunkstudio entstand.«
Ich war einfach in einer sehr glücklichen Lebenssituation. Da kam Vieles zusammen, und darum habe ich mich getraut, diesen Schumann-Satz über das Jugendalbum entgegen sonstiger Gewohnheit zu paraphrasieren. Es war, mehr noch als bei den vorangegangenen Produktionen, eine ganz spontane Aufnahmesituation. Auch die Dankbarkeit, das man so etwas Schönes machen kann, und das alle mitmachen, war mir wichtig. Zum Projekt gehörten ja auch ein Kinderchor aus Leipzig, ein Sprecher, der im besten “Gewandhaus-Sächsisch” eine Auswahl der Musikalischen Haus- und Lebensregeln als Einleitung spricht (Herr Schumann war ja nun mal Sachse), und meine Duo-Partnerin Sara Koch, mit der ich mich so gut verstanden habe. Auch das Team vom Deutschlandfunk war unglaublich freundlich, der Klaviertechniker gut gelaunt, und meine Schallplattenfirma Genuin hat mir jeden Extra-Wunsch erfüllt, bis hin zur Gestaltung des Beihefts, ideal! Vor den Studio-Mikrofonen gibt es natürlich viel Einsamkeit. Umso schöner, dass das ganze Team immer zusammen essen gegangen ist, und nach den Aufnahmesitzungen waren wir auch noch gemeinsam in Köln unterwegs. Das hatte bei aller nötigen Konzentration auch etwas von einer viertägigen Kindergeburtstagsparty, und das in meinem 41. Lebensjahr!
Auf der 2. CD befinden sich neben dem “Album für die Jugend” auch die “Drei Clavier-Sonaten für die Jugend”. Können Sie kurz erläutern, worin sich die Werke prinzipiell unterscheiden? Mir scheint, es ist nicht nur die Form, die anders ist. Wenn diese Sonaten wirklich Charakterstudien von Julie, Elise und Marie Schumann sind, was sagen die Werke über die Kinder, was sagen Sie über Schumann als Vater aus? Schumann wirkt ja – vielleicht wegen all der Kind-bezogenen Werke – wie ein stolzer Familienvater, der seine Familie immer wieder zu thematisieren scheint. Dennoch gibt es kein Bild von Schumann mit seinen Kindern. Steckt in seinen Charakterstudien, seinen Widmungen, seinen Thematisierungen nicht auch ein wenig Wunschdenken? Schumann zog sich ja oft tagelang in seinem Studierzimmer zurück…
In Ordnung, kurz aber gut: Eigentlich haben Sie alles schon selbst beantwortet – herzlichen Glückwunsch!
Wenn Sie aber sagen “stolz”, dann denke ich, dass Schumann seine Kinder damals ganz gewiss mit den Ihnen gewidmeten Sonaten überfordert hat. Gerade in der zweiten und dritten Sonate gilt es zuhauf harte pianistische Nüsse zu knacken. Wohl auch ein Grund, warum die drei Kindersonaten so unbekannt geblieben sind. Andererseits hat Schumann gewiss auch an ein “später” – wie so oft bei ihm – gedacht, und seine Kinder liebevoll und zugleich psychogrammartig ernsthaft charakterisiert. Darauf soll man sich aber rein über das Ohr einlassen. Ich habe selber keine Kinder – aber wie schön muss es sein, wenn ein Vater seinen Kindern so etwas Schönes schenkt, vor allem wohl schon wissend darum, dass er bald nicht mehr für sie da sein kann?! Es ist ja auch schon aus Schumanns Jugendtagen überliefert, was für ein überragendes Improvisationstalent er besaß. Er hat zum allgemeinen Gaudium jeden seiner Freunde musikalisch charakterisieren können, siehe auch “Carnaval”. Was für eine Gabe.
Müssen wir mehr über Schumanns Privatleben wissen, um seine Musik besser zu verstehen oder verstehen wir sein Privatleben besser, wenn wir seine Musik analysieren?
Ich finde es geradezu gefährlich, bei Komponisten Privates im Musikalisch-Professionellen zu suchen, oder umgekehrt. Die aktuelle Schumann-Forschung erstickt ja gewissermaßen im uferlos vorhandenen autobiographischen Material. Das läuft parallel mit der Schumann-eigenen gefährdeten Genialität. Die Gefahr ist besteht, einseitige Rückschlüsse zuzulassen und Details überzubewerten. Man muss bei Schumann sicher besonders gut zuhören. Darum habe ich ihn auch so gerne, vor allem die späteren Werke, mit denen ich mich jetzt so lange beschäftige und die mich wirklich begleiten. Hören ist die Devise. Dabei Fensterputzen geht nicht.
Das Schumann-Jahr befindet sich derzeit auf seinem Höhepunkt. Jede Woche erscheinen Neu- und Wiederveröffentlichungen mit Musik von Robert Schumann. Hat man als Musiker Zeit sich mit den Aufnahmen anderer zu beschäftigen? Haben Sie irgendwelche CDs von den Kollegen gehört? Welche CD legt der Schumann-Interpret Koch auf, wenn er nicht selbst spielen mag? Oder hören Sie gar keine (klassische) Musik, wenn Sie nicht müssen, sozusagen als Ausgleich zur täglichen Arbeit mit Musik?
Andreas Staiers Schumann-CD (harmonia mundi) war für mich eine Offenbarung. Auch die Wiederveröffentlichung von Samson François’ Schumann-Aufnahmen (EMI) finde ich wunderbar: Der Mann, eine Art pianistisches “enfant terrible” aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, beweist Profil und spielt sogar noch auf einem (offenkundig meist verstimmten) Érard-Flügel – aber wie!
Vor allem aber verneige ich mich in Sachen Schumann vor Bernhard R. Appel, Michael Struck und Margit Mc Corkle, die in den letzten Jahren Wesentliches für die Schumann-Forschung geleistet haben (Neue Gesamtausgabe und Werkverzeichnis). Dahinter steckt eine Lebensleistung. Auch der Münchner Verlag Henle hat Substantielles beigetragen durch kritisch revidierte Ausgaben sämtlicher Klavierwerke. Das können Sie alles im Internet verfolgen. Beeindruckend auch die Transparenz, mit der Addenda und Corrigenda vom Verlag zur Verfügung gestellt werden. Das sind die echten Helden!
Zum Abschluss schenke ich Ihnen eine Zeitreise in die Vergangenheit. Wohin darf es gehen? Und warum? Wie wollen Sie die Reise nutzen?
Besten Dank. Ich packe lediglich Zahnbürste und Zahnpasta ein, löse ein Ticket zurück in mein Geburtsjahr 1968 und lasse mich mit Apollo 8, dem ersten bemannten Mondflug in die Schwerelosigkeit katapultieren, und dann steige ich aus. Warum? Darum! Mal sehen, was auf mich zukommt …
Wie immer gilt: Vielen Dank für das aufschlussreiche und unterhaltsame Gespräch.
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Das Doppelalbum Robert Schumann – Klaviermusik für die Jugend von Tobias Koch ist am 21. Mai 2010 beim Dresdner Label Genuin erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de bestellt werden.
Ebenfalls empfehlenswert ist die im Januar erschienene CD Robert und Clara Schumann – Klavierwerke aus Dresden 1845-1849, ebenfalls Genuin. Auch diese kann selbstverständlich im Fachhandel erworben oder bei → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Die Fotos in diesem Beitrag stammen vom Düsseldorfer Photographen Philip Lethen.
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Ich habe mir die CD gekauft und dieses Album gefällt mir wieder sehr gut! Tobias Koch spielt so entspannt, das ist bestimmt nicht einfach, den naiven Ton dieser Musik im Studio zu treffen. Auch das Interview ist wieder schön, auch wenn sowohl die Fragen wie die Antworten ziemlich abschweifen. Aber dann kann man sich selber viel dazu denken und es gibt viele Anregungen. Vielen Dank für einen weiteren aufschlussreichen Beitrag zum Schumann-Jahr. R. Hagemann