Antonio SalieriObwohl er zu den zu Lebzeiten bedeutendsten und erfolgreichsten Komponisten der Wiener Klassik gehörte, ist die Musik von Antonio Salieri (1750-1825) heute weitgehend vergessen (bis auf einige Opern und Ouvertüren ist kaum etwas aus seinem umfangreichen Œuvre auf Tonträger erhältlich). Seine Person ist durch das Theaterstück “Amadeus” von Peter Shaffer, mehr noch durch dessen Verfilmung durch Milos Foreman mit dem zweifelhaften Ruhm belegt, der neidische und rachsüchtige Konkurrent Mozarts gewesen zu sein, den er mit einer List in den Tod getrieben hat. Selbst der Hinweis, dass es sich um eine rein fiktive Geschichte handelt, hilft da nicht mehr: Sein Name bleibt auf unrühmliche Art mit Mozarts Requiem verbunden, dabei ist gibt es keinerlei Anhaltspunkte, dass Salieri überhaupt in irgendeiner Weise mit Mozarts Requiem involviert war (im Theaterstück/Film diktiert der sterbende Mozart Salieri die Noten vom Sterbebett aus). Wenn man heute im Internet nach “Salieri + Requiem” recherchiert, so findet man einige wenige Hinweise auf das von ihm 1804 verfasstes Requiem in c-Moll, dafür aber umso mehr Hinweise auf Mozarts Requiem.
Gulbenkian Orchestra - A. Salieri - RequiemVielleicht ist es also gar nicht so erstaunlich, dass es erst jetzt auf dem internationalen Markt eine Einspielung dieses eigens von Salieri für seine eigene Totenfeier komponierten Werkes erschient. Zwar wurde die Totenmesse vor einigen Jahren erstmalig vom Concertino Notturno Praha (für Milan Vlček Music) eingespielt, die CD ist aber außerhalb Tschechiens quasi nicht erhältlich. So gebührt also vor allem dem portugiesischen  Gulbenkian Orchestra und dem dazugehörigen Chor, dieses Hauptwerk sakraler Musik von Salieri einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren.

Das Ensemble aus Lissabon, wohl der bekannteste Klangkörper Portugals (benannt nach Calouste Gulbenkian (1869-1955),dem Geschäftsmann, Kunstsammler und Gründer der Stiftung Fundação Calouste Gulbenkian, die auch das Orchester finanziert), präsentiert dieses von Salieri ‘Piccolo Requiem’ genanntes Werk – also kleines, bescheidenes Requiem – mit warmen, samtenen Klang. Es ist kein schwermütige oder gar düstere Komposition,sondern vor allem ein tief religiöses, feierliches Werk, kompositorisch fest in der Wiener Klassik verwurzelt, die Salieri mitgeprägt hat. Man hört seine ganze Opernerfahrung heraus, wenn etwa im zweiten Satz die “Dies Irae”, die Tage des Zorn Gottes, sogar mit Bläserfanfaren angekündigt werden. Der US-amerikanische Dirigent Lawrence Foster achtet stets darauf, dass das Orchester (zumal auf modernen Instrumenten) nicht zu weit in den Vordergrund gerät, denn die schönen Chöre stehen eindeutig im Mittelpunkt dieses Werkes. Die Solisten – Arianna Zukerman (Sopran), Simona Ivas (Mezzosopran), Adam Zdunikowski (Tenor), Luis Rodrigues (Bariton) – sind immer nur im Trio oder Quartett zu hören, niemals in Soloarien. Richtig ungewöhnlich ist dann das Finale des Requiems, in dem die Streicher verstummen und der Chor nur von den Bläsern begleitet das “Libera me” singt.

Ergänzt wird das Album durch zwei kürzere Werke seiner Schüler Ludwig van Beethoven (1770-1827) und Franz Schubert (1797-1828), die übrigens beide auch auf seiner Trauerfeier anwesend waren. Von Beethoven sind die beiden Goethe-Vertonungen “Meeresstille” und “Glückliche Fahrt”, op. 112 zu hören; von Schubert erklingt die vier Wochen vor seinem Tod entstandene Tenorarie “Intende voci” D.963. Leider kommt der Chor aus Lissabon mit den deutschen Texten der Beethoven-Stücke nicht so gut zurecht, wie mit den lateinischen bei Salieri und Schubert, worunter das Textverständnis deutlich leidet. Davon abgesehen macht der Chor hier, wie auch bei den anderen Werken einen guten Eindruck mit seinem warmen, farben- und facettenreichen Gesang.

Für die Beethoven-Stücke, vielleicht auch für das “Intende voci” von Schubert mag es zahlreiche empfehlenswertere Einspielungen geben, wenn es aber um das Hauptwerk der SACD geht, dem Requiem von Salieri, kommt man allerdings an dieser Aufnahme nicht vorbei (und das gewiss nicht nur, weil es die einzig erhältliche Aufnahme des Werkes ist). Das Gulbenkian Orchestra und sein Chor empfehlen uns Salieri als einen ernstzunehmenden, wichtigen und heute noch hörens- und entdeckenswerten Komponisten geistlicher Werke der Wiener Klassik, ganz ohne Mythos, dafür aber mit eigener Note.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die SACD Antonio Salieri – Requiem, gespielt vom Gulbenkian Chorus and Orchestra unter der Leitung von Lawrence Foster, ist am 25. Juni auf PentaTone (5186 359) und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Antonio Salieri – Requiem in C minor (1804)
  2. Ludwig van Beethoven – Meeresstille und Glückliche Fahrt, Op. 112
  3. Franz Schubert – Intende voci (Offertorium) in B flat, D 963


Ähnliche Beiträge:

Schlagwörter: , , , , , ,
Hinterlasse einen Kommentar