Mieczyslaw WeinbergWenn man mich fragen würde, welcher Komponist des 20. Jahrhunderts es auf jeden Fall verdiene ‘entdeckt’  oder von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, dann würde meine Wahl vermutlich auf Mieczysław Weinberg (1919-1996) fallen.

Der russische Komponist polnischer Abstammung Weinberg wurde kurz nach dem 1. Weltkrieg in Warschau geboren und wuchs in einem musikalischen Haushalt auf. Er flüchtete beim Einmarsch der deutschen Truppen (wegen seiner jüdischen Herkunft) zu Fuß (!) nach Weißrussland, wo er sich in Minsk niederließ.Kurz nachdem er 1941 sein Musikstudium dort abschließen konnte (er hatte es bereits in Warschau aufgenommen), musste er abermals vor dem deutschen Angriff auf die UdSSR fliehen und begab sich zunächst Taschkent. 1943 zog er dann, auf Einladung von Dmitri Shostakovich nach Moskau, wo er Zeit seines Lebens bleiben und als freischaffender Komponist arbeiten sollte. Shostakovich wurde ein enger Freund und Mentor und stand Weinberg auch in den schweren Zeiten antisemitischer Verfolgung während der 1950er Jahre bei.

Gothenburg SO - M. Weinberg - Symphonies Nos. 1 and 7Es war die Sinfonie No. 1 in g-Moll, die Weinberg in Taschkent schrieb und Shostakovich zur Begutachtung schickte, die letzten Endes die Einladung nach Moskau bewirkte. Zweimal hatte ihn die Rote Armee (in seinen Augen) gerettet: In seinen Augen hatte seine neue Heimat sein Leben mehrfach gerettet. Da ist es nicht verwunderlich, dass er dieses erste bedeutende Werk eben jener Armee widmete, die sich den Aggressoren, die sein Leben bedrohten, entgegengestellt hatte. Das hatte natürlich auch praktischen Nutzen: Eine solche Widmung öffnete dem polnischen Einwanderer jüdischer Herkunft Tür und Tor, gerade mitten in Kriegszeiten war es gewiss nicht verkehrt etwas Patriotismus zu zeigen.
Die stark kontrapunktisch geprägte Sinfonie selbst hat allerdings wenig martialisches, vielmehr atmet sie einen frischen, jugendlichen und (vor allem im Finale) unbeschwerten Geist. So erinnert sie indirekt an das kecke sinfonische Debüt des 19-jährigen Shostakovich bei seiner Sinfonie No. 1 in f-Moll von 1925, einem Werk, das ebenfalls voll jugendlichem Übermut ist. Diese indirekte Nähe zu Shostakovich erfühlt man in Weinbergs Werken oft, gleich wenn sich die Grundstimmung und die Mentalität der Komponisten in ihren Werken unterschieden: Anstelle der fast depressiven Resignation und des beißenden Spotts, der immer wieder bei Shostakovichs Werken durchscheint, steht bei Weinberg meistens eine leicht melancholische, aber eindeutig lebensbejahende Menschenfreundlichkeit.

Etwas anders geartet ist die Sinfonie No. 7 in C-Dur für Cembalo und Streichorchester, op. 81 von 1964. Sie war dem Dirigenten Rudolf Barshai gewidmet, der sie auch mit dem von ihm gegründeten und geleiteten Moskauer Kammerorchester uraufführte. Das Werk verläuft in fünf durchgehenden Sätzen und ist insgesamt düsterer und stellenweise fast nach Art dramatischer Filmmusik der 1950er und 1960er geradezu bedrohlich und insgesamt rätselhaft und unberechenbar. Das unheimliche Element in dieser Sinfonie ist zweifelsohne das Cembalo (hier passenderweise sehr trocken und spröde gespielt von Christer Thorvaldsson), das in den immer wieder eingestreuten Solo-Passagen verlassen und ratlos, einsam und angstvoll erklingt. In der Musik Weinbergs ist die Bewunderung für den Freund und Mentor selten wirklich greifbar, doch gerade im Allegro des fünften Satzes dieser Sinfonie wähnt man ein Quasi-Zitat aus dem Allegro molto des berühmten  Streichquartett No. 8 in c-Moll, op.110 von Shostakovich heraushören zu können.

Doch diese bei Chandos erschienene SACD wäre nur halb so gut, wenn nicht das Gothenburg Symphony Orchestra, sicher und kompetent geleitet von Thord Svedlund, diese Musik tadellos umsetzen würde.  Thord Svedlund belegt einmal mehr (nach seiner betörend schönen Einspielung einiger Konzerte Weinbergs im Sommer 2008, ebenfalls für Chandos), dass er derzeit ohne jeden Zweifel die erste Adresse in Sachen Weinberg-Interpretation ist. Falls Weinberg in den nächsten Jahren an Beachtung gewinnen wird, dann wird Svedlund und seine bahnbrechenden Einspielungen (übrigens auch klanglich hervorragend) einen großen Anteil daran haben. Durch seine Leitung dieses exzellenten Klangkörpers legt er die Vielschichtigkeit und Zeitlosigkeit dieser Werke frei. Man kann nur hoffen, dass er noch zahlreiche weitere Perlen aus Weinbergs Œuvre zu Tage fördern wird. Diese Musik verdient es entdeckt und gehört zu werden.

Die Besondere CD - CodaexEine bessere ‘Visitenkarte’ für Mieczysław Weinberg mit diesen beiden so gelungenen Sinfonien in einer durch und durch inspirierten Deutung kann man sich nicht vorstellen. ‘Die besondere CD‘ Mai 2010.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Das Album Mieczysław Weinberg – Symphonies Nos. 1 and 7 des Gothenburg Symphony Orchestra, geleitet von Thord Svedlund, ist am 21. Mai 2010 bei Chandos (CHSA 5078) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Sinfonie No. 1 in g-Moll, op. 10 (1942)
  2. Sinfonie No. 7 in C-Dur für Cembalo und Streichorchester, op. 81 (1964)


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2 Antworten zu “Gothenburg Symphony Orchestra, Thord Svedlund: Mieczysław Weinberg – Symphonies Nos. 1 and 7”
  1. [...] einmal rücken Komponisten wie  Mieczysław Weinberg (im → Blog), Hans Gál (im → Blog) oder Nino Rota (1911-1979) in den Vordergrund, die man zuvor kaum kannte [...]

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