Tobias Koch: Robert Schumann – Klaviermusik für die Jugend
Geschrieben von Sal Pichireddu in CD des Monats, Neuerscheinungen, Rezension
Spätestens seit Januar dieses Jahres, als das Album “Klavierwerke aus Dresden 1845-1849″ (u. a. Album des Monats Januar auf blog.codaex.de, s. → Rezension dazu), gilt der Düsseldorfer Pianist Tobias Koch als einer der kompetentesten und versierten Interpreten für die Musik von Robert Schumann (und selbstverständlich darüber hinaus): Ihn zeichnet nicht nur seine brillante Technik und sein tiefes musikwissenschaftliches Verständnis für das Wesen und das Werk Schumanns aus, Koch wählt auch bei seinen Aufnahmen bewusst die Instrumente aus, auf denen er musiziert – ein Punkt, den er vielen anderen Pianisten voraus hat, die immer auf demselben Instrument, zumeist einem modernen Konzertflügel, spielen. Für Tobias Koch kommen prinzipiell nur Instrumente der entsprechenden Zeit der Komposition/des Komponisten (im Original, nicht im Nachbau!) in Frage: Die Begründung ist ebenso einfach, wie logisch: Die Werke wurden auf diesen Instrumenten, für diese Instrumente komponiert. Der Komponist hatte dieses Klangbild im Kopf. Wenn man also Musik möglichst authentisch wiedergeben will – und Koch ist so intelligent zu wissen, dass dies kein Selbstzweck ist, sondern immer dem Stück nützt, weil der gesamte erwünschte Klangeindruck auf die jeweils zeitgenössischen Instrumente zugeschnitten war – dann muss man jene Instrumente einsetzen, die der Komponist selbst kannte und schätzte. (Zu Kochs musikalischem Selbstverständnis lese man auch seine interessanten Ausführungen im → Interview auf diesen Seiten).
Ergo spielt Tobias Koch auf ursprünglichen Instrumenten der Zeit, period instruments lautet der griffigere englische Ausdruck dafür. Beim letzten Album “Klavierwerke aus Dresden 1845-1849″ kam ein von Pierre Érard in London 1852 erbauter Flügel zum Einsatz, auf seinem neuen Album für das Leipziger Label Genuin “Klaviermusik für die Jugend” kommen gleich zwei historische Instrumente zu Einsatz: Zum einen ein Flügel, erbaut von Johann Baptist Streicher 1847 in Wien erbautem Instrument und zum anderen ein Flügel von Ignace Pleyel & Cie., Paris 1844, die je nach Art des Werkes eingesetzt werden. Koch schreibt in seinen wieder exquisiten Anmerkungen im Booklet dazu:
»Das silbrig-helle, überaus kantabile Diskantregister und der klar zeichnende Bass der Streicher-Flügels, im ausgewogenen Gesamtklang ebenso delikat wie bereits mäßig kraftvoll, bedeuten eine Quelle der Inspiration für die Darstellung der fein verästelten Motiv-Verläufe im Album für die Jugend. Mit seinen runden, insgesamt ein wenig abgedunkelten, dennoch in sich leuchtenden Klang eignet sich der Pleyel-Flügel besonders für die Darstellung des späten Opus 118.«
Doch es ist eben nicht nur die Wahl des Instruments, die seine Schumann-Einspielungen, auch (und gerade) die neueste, so anders, so überaus gelungen machen, obwohl sich in der Sorgfalt der Instrumentenwahl auch viel von Kochs Liebe zu dieser Musik offenbart, es ist auch und vor allem sein Spiel, seine Interpretationskunst, die dieses Doppelalbum auszeichnet. Es ist Kochs sensibles, inspiriertes Spiel, das aus dieser Produktion ein absolutes Highlight des Jahres (und erst recht der aktuellen Neu- und Wiederveröffentlichungen zum Schumann-Jahr) macht. Nehmen wir einmal die CD1, auf der das “Album für die Jugend“, op. 68 zu hören ist, einer der beliebtesten und bekanntesten Klavierzyklen Schumanns: Schon von den ersten, sehr leichten und zarten Stücken – man darf ja nicht vergessen, dass das Album auch ein didaktisches und didaktisch aufgebautes Werk zum Klavierspiel für Kinder (“für Kleinere”) und in der zweiten Abteilung für Jugendliche (“für Erwachsenere”) ist – spielt Koch sorgfältig, mit voller Ernsthaftigkeit und gleichzeitig fröhlich beschwingt. So offenbart er die Intimität dieser Miniaturen, die Zärtlichkeit, die selbst den simpelsten Stücken innewohnt. Im Verlauf des Albums steigert Koch die Intensität seines Spiels im selben Maße, wie sich die Stücke in ihrer Komplexität steigern und in ihrer Emotionalität vielschichtiger werden. Was mich dabei am meisten fasziniert: Koch bleibt bei seinem Spiel, trotz seiner starken Persönlichkeit, ganz der bescheidener Musiker im Dienste Schumanns, ohne Manierismen, ohne egozentrische Kapriolen. Wenn Koch spielt, ist er nur in Schumann vertieft (könnte man “35. Mignon” zärtlicher und zurückhaltender spielen, als Koch hier?). Koch bemerkt in seinem Anmerkungen zurecht:
»Ich kann mich nicht entsinnen, mich selber jemals in so guter musikalischer Laune befunden zu haben wie während der vier Abende, an welchen diese Einspielung in einem Kölner Rundfunkstudio (des Deutschlandfunks, Anm. d. Red.) entstand.«
Nicht minder interessant und gelungen (und voller Entdeckungen) ist die CD2 des randvollen Doppelalbums (Spielzeit der CD1: 80:03; Spielzeit der CD2: 79:31): Zum einen wäre da das Supplement zu op.68, also jene Stücke, die beim Erstdruck des “Album für die Jugend” nicht in der Sammlung aufgeführt waren und erst in späteren Ausgaben hinzugefügt wurden, dabei auch zwei Vokalsätze für Kinderchor: “Fest im Tact, im Tone rein” und “Aus ist der Schmaus, die Gäste gehen nach Haus”, hier entzückend vorgetragen vom Kinderchor der freien Grundschule “Clara Schumann” in Leipzig. Des weiteren sind zwei Weltersteinspielungen zu hören: Das Geburtstagsalbum für Marie, das in gewisser Weise die Keimzelle für das Album für die Jugend darstellt und seiner erstgeborenen Tochter Marie gewidmet ist und der Kleine Lehrgang durch die Musikgeschichte, acht Miniaturen im Stile berühmter Komponisten (Bach, Händel, Mozart, Beethoven, etc.), die charmant komponierte, kindgerechte Hommagen an einige seiner musikalischen Vorbilder sind. Kernstück der zweiten CD sind die Drei Clavier-Sonaten für die Jugend, op. 118, wiederum ein didaktisches Werk für junge Klavieranfänger, aber mit einem gänzlich anderen Ansatz als das Album für die Jugend: »Das ist etwas ganz Anderes, als das Album. Man muß die Jugend auch an Ausführung größerer Sätze gewöhnen und dazu sind diese Stücke«, schrieb Schumann 1853 an seinen Verleger. Gleichzeitig sind die kurzen Sonaten sehr private Portraits seiner Kinder Julie (1845-1872), Elise (1843-1928) und Marie (1841-1929) Schumann. Den Abschluss des Albums bildet das Andante und Variationen für zwei Pianoforte, op. 46, eingespielt mit Tobias Kochs bevorzugter Duettpartnerin Sara Koch (nicht verwandt oder verschwägert), einem echten Highlight in dem noch einmal die wundervollen Instrumente voll zur Geltung kommen.
Tobias Koch hat sich mit den Aufnahmen auf “Klaviermusik für die Jugend” selbst übertroffen und die Messlatte für andere Interpreten sehr hoch gelegt: Mit seinem Einfühlungsvermögen, seiner federleicht-verspielten Virtuosität und auch mit seiner intelligenten Wahl der Instrumente spielt er Schumann nicht nur im musikwissenschaftlichen Sinne authentisch, sondern auch künstlerisch absolut stringent.
Von der ersten Sekunde an inspiriert und inspirierend: Tobias Koch spielt Robert Schumann so, wie man ihn spielen sollte, um ihm gerecht zu werden: Revolutionär, romantisch, virtuos, emotional, aber unkitschig und unprätentiös. Eine würdiges ‘Album des Monats‘ Mai 2010 und ein Anwärter auf das Album des Jahres.
Das Doppelalbum Robert Schumann – Klaviermusik für die Jugend von Tobias Koch ist am 21. Mai 2010 auf Genuin (10170) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Album für die Jugend, op. 68
- Drei Clavier-Sonaten für die Jugend, op. 118
- Supplement zu Opus 68
- Geburtstagsalbum für Marie (Weltersteinspielung)
- Kleiner Lehrgang durch die Musikgeschichte (Weltersteinspielung)
- Andante und Variationen für zwei Pianoforte, op. 46 (mit Sara Koch)
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