The Florestan Trio - Czech Piano TriosObwohl Bedřich Smetana (1824 – 1884), Bohuslav Martinů (1890 – 1959) und Petr Eben (1929 – 2007) drei unterschiedlichen Epochen, drei unterschiedlichen Komponistengenerationen und drei unterschiedlichen Stilrichtungen angehören, verbindet sie durch ihre tschechische Herkunft mehr, als man gemeinhin annehmen könnte. Bei böhmischen und mährischen Komponisten scheint sich ein schwer definierbares, jedoch unverkennbares Band der Gemeinsamkeiten durch die verschiedenen Generationen zu ziehen: Es ist eine Verbindung aus Kantabilität, volksmusikhaften Rhythmen und Melodien  und einer besonderen Wärme im Klang, die die tschechische Musik auszuzeichnen scheint, so zumindest das Klischee. Das britische Florestan Trio hat nun auf seinem neuesten Album drei tschechische Klaviertrios aufgenommen. Das Erstaunliche an den ausgewählten Werken ist: Sie belegen und widerlegen das Klischee der tschechischen Musik gleichzeitig.

In der Musik ist eben nicht alles so linear, wie in unseren Vorstellungen davon. Als Smetana das Klaviertrio schrieb, war er 31 Jahre alt, stand gerade am Anfang seiner Komponisten-Karriere und hatte durch einen Schicksalsschlag seine geliebte Tochter verloren. Die melancholischen Grundstimmung des Werkes steht musikalisch noch unüberhörbar unter dem Einfluss der damaligen Komponistengrößen, vor allem Robert Schumann und Franz Liszt. Von der typischen Volksmusikhaftigkeit Smetanas ist noch nichts zu hören. Trotzdem steckt in diesem Werk der Grundstein für einen eigenen Nationalstil. Aus der kraftvoll Strenge und Virtuosität der Vorbilder formt Smetana melancholische, wehmütige Melodien, die trotz aller Trauer, die in damals bewegte, eine für ihn typische Wärme beibehält.

Als Martinů 1930 sein erstes Klaviertrio schrieb, befand er sich mitten in einer entscheidenden Phase seiner Komponisten-Laufbahn: Seit 1923 lebte er in Paris und hatte (endlich) seine Kompositionsstudien bei Albert Roussel vollendet. In Paris setzte er sich stark mit der kosmopolitischen Kulturszene der 1920er und 1930er auseinander: Vor allem die Rhythmik des Jazz und der Neoklassizismus Igor Stravinskys beeinflussten ihn nachhaltig, als er sein erstes von drei Klaviertrios schrieb, das den Untertitel “Cinq pièces brèves” – fünf kurze Stücke – trägt. Robert Philip, der Autor der Liner Notes des vorliegenden Albums, schreibt dazu:

»Musik, die aus kleinen Zellen konstruiert ist (ein Wort, das Martinů selbst benutzte) und insistierende Rhythmen hat, die sich über die herkömmliche Regelmäßigkeit hinwegsetzen, teilweise durch jazzartige Einflüsse, teilweise durch beißende Harmonien und teilweise durch ein feingearbeitetes kontrapunktisches Netzwerk. Der Effekt ist eine musikalische Sprache, die wie eine Art kubistische Rekonstruktion barocker Techniken funktioniert.«

In der nervösen Rhythmik steckt also auch ein volksmusikhaftes Element (denn der Jazz entstand ja aus den Volksmusik der Nachkommen der US-amerikanischen Sklaven), etwas wie ungezähmte Wildheit einer noch nicht begradigten, unverfälschten Musik.

Petr Eben, einer der wichtigsten tschechischen Komponisten des 20. Jahrhunderts (wenn auch hierzulande noch recht unentdeckt), bezog sich bei seinem 1986 entstandenen Klaviertrio auf den Neoklassizismus Martinůs und seiner Zeitgenossen und entwickelte daraus seinen eigenen Ansatz.

The Florestan Trio - Quelle: florestantrio.com / Fotografie: Richard Lewisohn

The Florestan Trio - Fotografie: Richard Lewisohn

Das Florestan Trio spielt diese drei eigenen, sehr unterschiedlichen Werke  eindringlich, präzise, bei Smetana melancholisch und bei Martinů und Eben mit der gebotenen rhythmischen Schärfe. Ihr Mut sich als nicht-tschechisches Ensemble an die beiden tschechischen Ikonen Smetana und Martinů zu wagen, ist beachtlich; sie so bravourös, so stringent zu meistern, ist nicht selbstverständlich, zeugt aber von ihrer Flexibilität. Denn Smetana, Martinů und Eben waren eben nicht nur drei tschechische Komponisten, die die heimische Musik nachhaltig geprägt haben, sie ‘gehören’ auch dem Rest der Musikwelt, so wie sie selbst in ihren Werken Bezug auf die gesamte Musikwelt nahmen. Das Florestan Trio spielt diese Werke ebenso souverän, wie man es von einem tschechischen Ensemble erwarten würde. Und das ist schon ziemlich beeindruckend.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die CD Czech Piano Trios des Florestan Trio mit Werken von Bedřich Smetana, Bohuslav Martinů und Petr Eben ist am 21. Mai 2010 auf Hyperion Records (CDA67730) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Bedřich Smetana – Piano Trio in G Minor
  2. Bohuslav Martinů – Piano Trio No, 1 – Cinq pièces brèves
  3. Petr Eben – Piano Trio


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