Royal Scottish National Orchestra, Neeme Järvi: Richard Wagner (Arr. Henk de Vlieger) – Parsifal, an Orchestral Quest
Geschrieben von Sal Pichireddu in Neuerscheinungen, Rezension
Als ich vor rund zwei Jahren zum ersten Mal bei “The Ring, An Orchestral Adventure” (erschienen auf Chandos, 2008) ein Arrangement des Niederländers Henk de Vlieger (*1953) einer Oper (in jenem Fall mehrer Opern) von Richard Wagner (1813-1883) hörte, war ich zunächst skeptisch: Ist es wirklich möglich, die Musik von 16 Stunden Oper sinnvoll auf eine Stunde zu komprimieren? Gerade Richard Wagner hat ja nun alles andere als ‘wenig’ Musik für seine Opern komponiert! Aber andererseits wirkt diese Musik zweifelsohne auch ohne die Texte. Vielleicht gibt es auch deswegen so viele Versuche die Orchesterparts der Opern in der einen oder anderen Form aus der Oper in den Konzertsaal zu bringen, man denke nur an die Bearbeitungen von Leopold Stokowski, Lorin Maazel oder George Szell. Die Frage, ob eine Reduktion funktioniert (und vom Publikum angenommen wird) ist also bereits beantwortet: Es ist möglich diese Musik wirksam zu komprimieren und Henk de Vlieger (der übrigens im Hauptberuf Percussionist der niederländischen Radiophilharmonie ist) hat wirklich ein ziemliches Gespür dafür entwickelt, die signifikantesten Momente in den Opern auszuwählen und miteinander zu verbinden. Das Ergebnis ist zweifelsfrei immer noch 100% Wagner, nur eben komprimiert, verdichtet, auf die Höhepunkte (auf die Hooklines würde man in den Popmusik sagen) fokussiert.
Auch die neueste Einspielung des Royal Scottish National Orchestra unter Neeme Järvi ist solch eine gelungene Komprimierung einer Wagner-Oper, namentlich des Parsifal, der letzten Oper Wagners, die in de Vliegers Bearbeitung den Untertitel “An Orchestral Quest” (etwa ‘Eine orchestrales Ritterabenteuer’ oder ‘Eine orchestrale Gralssuche‘) trägt.
Sein Quest ist in sieben Teile unterteilt:
- Vorspiel
- Parsifal
- Die Gralsritter I
- Die Blumenmädchen
- Karfreitagszauber
- Die Gralsritter II
- Nachspiel
Der erste Teil, das “Vorspiel”, ist die Instrumentalouvertüre und wurde unverändert übernommen, während am “Nachspiel” einige Änderungen vorgenommen wurden: Die Stimme Parsifals wurde gestrichen, und anstelle des Chors hört man nun Instrumente. Darüber hinaus verwendete de Vlieger in den Teilen 3 und 6 (“Die Gralsritter”) die ursprünglichen Intermezzi aus dem ersten und dritten Akt, die in der Oper während eines Szenenwechsels vom Orchester gespielt werden. In “Die Blumenmädchen” wurde der sechsstimmige Frauenchor gestrichen und anstelle der Solostimme erklingt nun etwas Solovioline; im “Karfreitagszauber”, das mit Motiven aus dem Vor- und Nachspiel eingeführt wird ging de Vlieger ähnlich vor. Der kurze zweite Teil, “Parsifal”, nimmt eine Sonderstellung im Arrangement ein, weil das Parsifal-Thema eine zentrale Rolle in der Musik der Oper spielt. De Vlieger schreibt in seinen Anmerkungen dazu:
»Hier tritt der Held als sorgloser junger Tor auf. Zu diesem Zweck hat der Bearbeiter Abstand von der ursprünglichen Chronologie genommen und eine Reihe schnellerer Auszüge zunächst aus dem zweiten und dann aus dem ersten Akt miteinander verbunden. Die hier eingeführten Motive sind ungemein wichtig für die Entwicklung des Arrangements (…). Gedankenlosigkeit entwickelt sich auf diese Weise zu Besonnenheit. Die charakteristische Brückenstruktur dieses Arrangements folgt also einer großen symmetrischen Spannungskurve, säulenartig getragen von den Parsifal-Motiven.«
De Vlieger ist also insgesamt bemüht gewesen, nicht nur die wichtigsten Stellen der Oper zu verbinden, seine Orchesterfassung folgt auch der inneren Logik der Oper selbst und berücksichtigt die ursprüngliche Symmetrie und die motivischen Verknüpfungen innerhalb der Oper. Kein Wunder, dass seine Komprimierung wie aus einem Guss erscheint.
Zum positiven Gesamteindruck des Albums trägt auch in nicht unerheblichem Maße das schottische Nationalorchester bei, das Järvi akzentuiert und nuanciert leitet. Vor allem die Holz- und Blechbläser glänzen bei dieser auch klanglich überdurchschnittlichen Aufnahme. Järvi empfiehlt sich einmal mehr für den schwelgerischen Orchesterklang des späten 19. Jahrhunderts: Sein Wagner ist zutiefst romantisch, gleichzeitig vermeidet er den Klang allzu sehr aufzuweichen und bleibt bei aller Epik im Gesamtklang erfreulich klar. Zweifelsohne ist dieser Wagner sehr nordisch geprägt, was hervorragend zu de Vliegers Bearbeitung passt. Ergänzt wird das Album durch die (unbearbeiteten) Instrumentalmusiken aus dem “Tannhäuser” und dem berühmten Vorspiel zum 3. Akt der Oper “Lohengrin“. Beide werden nicht minder engagiert und überzeugend vom Orchester vorgetragen.
Eine lohnenswerte CD für all jene, die eine gute Einführung in die Musik Wagners suchen, die mit Opern generell wenig anfangen können, aber auf jeden Fall auch eine Bereicherung für jeden Wagner-Fan.
Die SACD Richard Wagner (Arr. Henk de Vlieger) – Parsifal, an Orchestral Quest des Royal Scottish National Orchestra unter Neeme Järvi ist am 21. Mai 2010 auf Chandos (CHSA 5077) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Parsifal, an Orchestral Quest (Arranged 1993 bei Henk de Vlieger)
- Overture ans Venusberg Ballet Scene from “Tannhäuser”
- Prelude to Act III of “Lohengrin”
Ähnliche Beiträge:
- Royal Scottish National Orchestra, Neeme Järvi: Richard Wagner (Arr. Henk de Vlieger) – Meistersinger, an Orchestral Tribute · Deux Entreactes tragiques · Eine Faust-Ouvertüre · Ouverture to “Columbus”
- “Richard Wagner: Tristan und Isolde – an Orchestral Passion” des RSNO unter Neeme Järvi als »CD-Tipp« bei BR Klassik
- Rundfunkchor Berlin · Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Marek Janowski: Richard Wagner – Der Fliegende Holländer


Einträge (RSS)
[...] An Orchestral Adventure« (2008, auf Chandos bei erschienen, wie die folgenden Teile auch) und »Parsifal, an Orchestral Quest« (2010) ist nun »Tristan und Isolde – an Orchestral Passion« BR-Klassik-Redakteur Volkmar [...]