Ludwig van Beethoven (ca. 1804)Nahezu alle längeren Werksreihen von Ludwig van Beethoven haben für die folgenden Generationen quasi kanonischen Charakter erlangt und gelten sowohl beim Publikum als auch bei den Musikern als Höhepunkte der jeweiligen Genres: Die neun Sinfonien, die 32 Klaviersonaten, die 16 Streichquartette und sogar die fünf Cello-Sonaten (auch wenn diese sicher nicht die Popularität der anderen Werke genießen, s. dazu auch meine Anmerkungen → hier), sind solche allgemein anerkannten Meilensteine der Musik, “Klassiker” im wahrsten Sinne des Wortes.

Die zehn Sonaten für Klavier und Violine sind zwar zumindest teilweise beim Publikum sehr beliebt (vor allem die Nos. 5 & 9, die “Frühlingssonate”, op. 24 und die “Kreutzersonate“, op. 47), genießen aber bei Violinisten keinen kanonischen Charakter. Vielleicht liegt es daran, dass Violinisten üblicherweise besonders Interesse an hochvirtuosen Stücken haben, die sie als Musiker an die Grenzen der Technik (und oft genug weit darüber hinaus) bringen, mit denen man glänzen kann, wenn man sie bewältigt, weil man seine virtuosen Fähigkeiten unter Beweis stellt? Außerdem hat Beethoven seine zehn Violinsonaten in relativ kurzer Zeit geschrieben (zwischen 1798 und 1803 verfasste er die ersten neun, die letzte 1812) , hauptsächlich am Anfang seiner Karriere. Fehlt den Violinisten vielleicht das Pendant des späten Beethoven, der in seinen letzten Jahren eine Reihe komplexer Meisterwerke schuf (die berühmte 9. Sinfonie mit dem Schlusschor “Ode an die Freude”; die späten Klaviersonaten Nos. 28–32; die vier letzten Streichquartette und die “Große Fuge” Nos. 12-16; die Cellosonaten Nos. 4 & 5) die als Sublimierung des jeweiligen Genres gelten? Es mag verschiedene Faktoren geben, warum die Sonaten für Klavier und Violine bestenfalls »einen untergeordneten Platz in der allgemeinen Bewertung seines Schaffens einnehmen«, wie es der ungarische Violinist und Musikwissenschaftler Carl Flesch in seinem Buch “Die Kunst des Violinspiels” bereits 1923 konstatierte.

J. Koekkoek S. Kapustin - L. van Beethoven - Violin SonatasAll das sagt aber nichts über die Musik selbst aus. Mag sein, dass Beethoven seine Violinsonaten (wie damals üblich) für einen kleinen Kreis von Amateuren schrieb, die diese Werke im privaten Kreis aufführen (sollten), es bleiben wahrhaft bezaubernde Kompositionen, in denen Sorgfalt, Kompositionskunst und (last but not least) alle typischen Merkmale der Musik des (jungen und mittleren) Beethovens stecken. Der niederländischen Pianistin Jeannette Koekkoek und der US-amerikanische Violinistin Sarah Kapustin geht es bei ihrem Gesamteinspielung auf vier CDs (für das italienische Olive Music Label und dem kleinen aber feinen niederländischen Label Etcetera) der Sonaten für Klavier und Violine nicht um solistische Eitelkeiten, sondern um die Rehabilitierung dieser charmanten Sonaten, zumindest gewinnt man den Eindruck, wenn man ihre äußerst liebevollen, sorgfältigen Interpretationen hört, leider mit modernem Flügel und ohne Darmsaiten auf der Violine: Ich hätte gerne das Ergebnis in historisch-informierter Aufführungspraxis von diesen beiden so sensiblen Musikerinnen gehört.

Aber auch mit modernen Instrumenten überraschen die beiden Musikerinnen durch harmonisches Zusammenspiel, das übrigens auch von der Klangbalance der Aufnahme unterstützt wird: Beide Instrumente sind etwa gleich laut, was den Eindruck des miteinander Musizierens verstärkt. Sicher: Es gibt eine ganze Reihe von Gesamtaufnahmen mit namenhaften Virtuosen, die in den letzten acht Jahrzehnten entstanden sind (angefangen mit der Aufnahme von Fritz Kreisler & Franz Rupp,1935/36 über Arthur Grumiaux & Clara Haskil, 1956/57; Yehudi Menuhin & Wilhelm Kempff, 1970;  Itzhak Perlman & Vladimir Ashkenazy, 1973/75; Gidon Kremer & Martha Argerich, 1984-1994 bis hin zu Anne-Sophie Mutter & Lambert Orkis, 1998), doch längst nicht alle Gesamtaufnahmen sind so homogen, so gemeinschaftlich musiziert, wie diese Aufnahme von zwei (vermeintlichen) Solistinnen aus der zweiten Reihe, die im deutschsprachigen Raum kaum einer kennen wird (die allerdings in den Niederlanden dank reger Konzertaktivität durchaus ein Begriff sind).

Mehr als eine tadelose Technik (die Koekkoek und Kapustin zweifelsohne besitzen), gewinnen diese Sonaten – auch und gerade die weniger bekannten (etwa die wundervoll verspielte Sonate No. 4  oder die Sonate No. 10) – vor allem durch das gleichberechtigte Spiel miteinander. Und genau hierin liegt die Stärke dieser Aufnahmen, die sie aus dem Gros der Einspielungen hervorhebt.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Das 4-CD-Set Ludwig van Beethoven – Complete Sonatas for Piano and Violin von Jeannette Koekkoek & Sarah Kapustin erscheint heute, am 21. Mai 2010 bei Etcetera (KTC 1904) und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt bzw. vorbestellt werden.

Inhalt:

  1. Violin Sonata No. 1 in D major, op. 12/1
  2. Violin Sonata No. 2 in A major, op. 12/2
  3. Violin Sonata No. 1 in Es major, op. 12/3

  4. Violin Sonata No. 4 in A minor, op. 23
  5. Violin Sonata No. 5 in  F major, op. 24 (“Spring”)

  6. Violin Sonata No. 6 in A major, op. 30/1
  7. Violin Sonata No. 7 in C minor, op. 30/2
  8. Violin Sonata No. 8 in F major, op. 30/3

  9. Violin Sonata No. 9 in A major, op. 47 (“Kreutzer”)
  10. Violin Sonata No. 6 in A major, op. 96


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