Jan Lisiecki · Sinfonia Varsovia, Howard Shelley: Frédéric Chopin – Piano Concertos Nos. 1 & 2
Geschrieben von Sal Pichireddu in Der besondere Tipp, Neuerscheinungen, Rezension
Bisher waren alle Veröffentlichungen des polnischen Fryderyk Chopin Institute (auf Polnisch: “Narodowy Institut Fryderyka Chopina”, NIFC) um unbedingte historische Authentizität bemüht: Erstmals wurde das Gesamtwerk von Frédéric Chopin historisch-informiert von anerkannten Chopin-Spezialisten, darunter zahlreichen Preisträgern des renommierten Chopin-Wettbewerbs auf den gleichen Flügeln eingespielt, die auch Chopin bevorzugte: Zum Einsatz kamen Fortepianos von Érard und Pleyel, Instrumente also, deren Klang die Romantik stark geprägt haben und deren Klangbild von unseren heutigen Konzertflügeln deutlich abweicht. Nun, da man das Œuvre quasi vollständig historisch-informiert vorliegen hat, hat das NIFC begonnen eine zweite Reihe mit Aufnahmen zu veröffentlichen, die dieses Mal auf modernen Klavieren eingespielt werden soll. Auch optisch heben sich diese Veröffentlichungen von den bisherigen NIFC-CDs ab: Die historisch-informierten (“The real Chopin”) haben ein einheitliches Coverdesign mit dunkelblauer Grundfarbe, die Aufnahmen mit modernen Instrumenten sind in der Grundfarbe weiß gehalten.
Den Anfang in dieser neuen Reihe macht der blutjunge kanadische Pianist Jan Lisiecki (*1995) mit seiner Debütveröffentlichung, den beiden Klavierkonzerten Chopins – und an diesem Album ist gewiss nicht nur das Alter des Interpreten erstaunlich. Frédéric Chopin wurde dereinst ja selbst als Wunderkind gehandelt (sein Warschauer Lehrer Józef Elsner schrieb auf 1829 sein Zeugnis: »Chopin, Frédéric: Besondere Begabung - musikalisches Genie«). Vielleicht ist es da gar nicht so verwunderlich, wenn heute ein junger Pianist und Komponist (!) sich dieser beiden Konzerte annimmt, die doch Chopin selbst als junger Mann (als 19-jähriger) geschrieben hat.Vielleicht ist es gar nicht einmal von Nachteil, wenn man als junger Virtuose diese Stücke spielt, die selbst von einem jungen Virtuosen geschrieben wurden.
Und in der Tat, wenn man der Interpretation des Lisieckis zuhört, so hört man vor allem das jugendliche, unbeschwerte Element, das lebensfrohe, positive, das die Kompositionen des jungen Chopins ausstrahlen. Aber das jugendliche Alter des Interpreten soll gewiss nicht das einzige Faszinosum dieser Aufnahme sein: So beeindruckend es auch sein mag, dass Jan Lisiecki ein sehr sehr junger Klaviervirtuose ist (als er diese Konzerte aufnahm, war er gerade einmal 13 bzw. 14 Jahre alt), man täte ihm Unrecht, wenn man ihn auf das Wunderkind-Image des scheinbar mühelos spielenden, aber letzten Endes noch ganz und gar nicht ausgereiften Interpreten reduziert. Lisiecki spielt (zumindest) diese beiden Konzerte stringenter als manch einer seiner hoch gehandelten älteren Kollegen. Gleich wenn es klar ist, dass Lisieckis Künsterpersönlichkeit noch nicht ausgereift sein kann: Was er auf dieser Debüt-CD eingespielt hat, beeindruckt über alle Maßen und hält den Vergleich mit den besten Einspielungen dieser Konzerte durchaus stand. Lisiecki brilliert bei diesen Live-Aufnahmen am Steinway-Flügel nicht nur in den virtuosen, schnellen Sätzen mit seinem federleichten, flüssigen Spiel, sondern überzeugt ebenso in den langsamen Sätzen durch emotionale Dichte. Howard Shelley, einst selbst als 10-jähriger Debütant am Klavier mit Chopin, leitet die warm, fast betörend klingende Sinfonia Varsovia sicher und mit demselben jugendlichen Esprit (!) des Solisten.
Nach den vorbildlichen historischen Einspielungen der “The real Chopin”-Reihe schickt sich das NIFC nun an eine zweite künstlerisch bedeutende Reihe mit Chopin-Aufnahmen zu veröffentlichen. Der Auftakt könnte nicht besser gelungen sein. ‘Die besondere CD‘ im Monat April 2010.
Das Album Frédéric Chopin – Piano Concertos Nos. 1 & 2 mit dem Solisten Jan Lisiecki und der Sinfonia Varsovia unter Howard Shelley ist am 23. April 2010 als Veröffentlichung des NIFC (NIFCCD 200) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Piano Concerto in F minor, op. 21
- Piano Concerto in E minor, op. 11
Hier noch ein kleiner audiovisueller Eindruck von Jan Liesicki:
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