Ensemble Novum Zürich: Jörg Widmann – Works for Ensemble
Geschrieben von Sal Pichireddu in Neuerscheinungen, Rezension
Der gebürtige Münchener Jörg Widmann ist von Beginn seiner Karriere gleichzeitig als Komponist, Klarinettist und Dirigent tätig und gehört sowohl als Komponist, als auch als Klarinettist und Dirigent zu den derzeit erfolgreichsten Künstlern im Bereich Neue Musik. Seine neue CD für Neos “Works for Ensemble” vereint mehrere Werke, die er zwischen 1997 und 2004 für verschieden besetzte Ensembles, teilweise mit Gesang, komponiert hat. Zwei der drei Werke (“Sieben Abgesänge” und “Oktett”) liegen auf diesem Album als Weltersteinspielung vor. Interpretiert wird die Musik von Widmann selbst (als Dirigent und/oder als Klarinettist), der Sopranistin Olga Pasichnyk (bei den “Sieben Abgesängen”) und (bei allen Werken) dem Collegium Novum Zürich, dem wichtigsten Schweizer Ensemble für Neue Musik. Das Album wurde vom Schweizer Rundfunk DRS mitproduziert, der sich für die guten Aufnahmen verantwortlich zeigt.
Der Titel des eröffnenden Werks “Freie Stücke” könnte kaum passender gewählt sein und ist durchaus wörtlich zu verstehen: Zehn Miniaturen, die frei im (Klang-) Raum umher zu schwirren scheinen. Jeder Satz hat ein eigenes Thema (Puls, Oberton, Einstimmigkeit etc.) doch die Sätze sind miteinander verbunden: Der Schluss des vorhergehenden Satzes wird zu Beginn des nächsten reflektiert, wird die Ausgangssituation des nächsten Satzes. Gerade bei diesem Werk wird der Einfluss und die geistige Nähe zu seinem Lehrer, Mentor und Freund Wolfgang Rihm offensichtlich.
Die “Sieben Abgesänge für eine tote Linde” – für Sopran, Violine, Klarinette und Klavier nach Gedichten (bzw. nach Gedichtfragmenten) der deutschen Schriftstellerin Diana Kempff (1945-2005, übrigens die Tochter des Pianisten Wilhelm Kempff) entstanden 1997 spontan kurz nachdem der Blitz in eine 1000-jährige Linde während eines Konzertes einschlug. Widmann schuf in diesem Frühwerk eine Art Requiem für die unwiederbringlich zerstörte Linde.
Das abschließende “Oktett” für Klarinette, Horn, Fagott, zwei Violinen, Viola, Cello und und Kontrabass (also der klassischen Schubert-Besetzung des Oktetts) verbindet auf für Widmann nicht unübliche Weise moderne und konservative Ansätze: Auf eine nervöse Suche (im ersten Satz ‘Intrada’) in der die Instrumente zueinanderfinden und wieder auseinander driften folgt (im ‘Menuetto’) eine fröhliche, klassische gehaltene Horn-Fanfare als Einladung zur Jagd. Doch die Jagd entpuppt sich als grausames, tödliches Unterfangen (‘Lied ohne Worte’) und findet über ein Intermezzo im Finale eine Art Anti-Finale (sic!), eine Verweigerung des üblichen ‘Happy End’. Und so bleibt in der Musik Widmanns einmal mehr nur eines vorhersehbar: Das Unvorhersehbare wird eintreffen.
Für die stetig wachsende Gemeinde an Widmann-Fans ist diese hochklassige Veröffentlichung ein Highlight in der Diskografie.
Die CD Jörg Widmann – Works for Ensemble des Ensemble Novum Zürich ist am 21. Mai 2010 bei Neos Music (10923) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Freie Stücke - für Ensemble (2002)
- Sieben Abgesänge für eine tote Linde - für Sopran, Violine, Klarinette und Klavier (1997)
- Oktett - für Klarinette, Horn, Fagott, zwei Violinen, Viola, Cello und und Kontrabass (2004)
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