Elisabeth Leonskaja: Ludwig van Beethoven – Late Piano Sonatas · opp. 109 – 111
Geschrieben von Sal Pichireddu in Neuerscheinungen, Rezension
In der Musikkritik sollte man immer bemüht sein, althergebrachten Mythen über Komponisten oder Werke nicht aufzusitzen. Gerade im deutschsprachigen Raum gibt es zahlreiche Ansichten (fast schon Ideologien), die man mit bestimmten Komponisten (namentlich vor allem Bach, Beethoven und Mozart, kaum weniger allerdings gilt dies für die gesamte Romantik) verbindet, dass diese Bilder, die oft genug auf Vorurteilen, Missverständnissen, Zerrbildern und subjektiven Eindrücken basieren, unser Verständnis von der Musik entscheidend geprägt haben. Der Mythos überschattet alles, selbst den Komponisten, selbst das Werk. Wie viel Mondschein steckt denn wirklich in Beethovens sogenannter “Mondscheinsonate“? Und wie viel Schicksal in der “Schicksalsinfonie“? Musikwissenschaftler und zunehmend die Interpreten selbst werden heute nicht müde, diese Fehleinschätzungen, die sich so tief im Bewusstsein der Hörer verankert haben, aufzulösen.
Dann gibt es wiederum Mythen, die man nicht so recht belegen, noch viel weniger aber von der Hand weisen kann. Ragen nicht die Spätwerke der großen Meister tatsächlich aus ihrem Œuvre heraus? Sind Bachs h-Moll-Messe, Mozarts Requiem, Beethoven späte Streichquartette und Klaviersonaten nicht tatsächlich die Sublimierung ihres Schaffens, gleichzeitig über alles bisher Geschaffene hinausreichend? Und wohin hätte ihre Entwicklung geführt, hätten Sie diesen Weg noch ein Stück weitergehen können?
Die späten Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven gelten als Olymp der Klavierliteratur, denen man sich nicht selten als Interpret mit einer Haltung nähert, »die der gleicht, mit der man die heiligen Stätten aufsucht«, schreibt der Musikwissenschaftler Axel Schröter, der die ausführlichen (und guten, wenn gleich stellenweise sehr technischen) Liner Notes zur vorliegenden Veröffentlichung des renommierten MDG-Labels der drei letzten Klaviersonaten Beethovens von Elisabeth Leonskaja geschrieben hat. Schröter fährt fort:
»Es war lange Zeit vielleicht nicht zu Unrecht verpönt, wenn ein junger, aufstrebender Pianist die Sonate op. 111 auf das Programm setzte. Tatsächlich bedarf es nämlich neben einer unangefochtenen Technik intensiver musikalischer Erfahrung, um die spezifischen Tonfälle, sowie die Fülle an Ausdrucksnuancen und gesten, die diesen Werken eigen sind, zu erkennen und darzustellen.«
Die seit vielen Jahren in Wien lebende georgische Pianistin bringt die hier genannten Voraussetzungen allesamt mit: Eine makellose Technik und über 50 Jahre Erfahrung als Konzertpianistin, darüber hinaus wird die langjährige Duettpartnerin von Sviatoslav Richter zurecht für ihre Fähigkeit gerühmt, die Sanglichkeit von Musik, bei aller Virtuosität und Kraft, besonders gut herausstellen zu können, Eigenschaften, die geradezu prädestiniert sind um die letzten drei Klaviersonaten Beethovens mustergültig zu interpretieren. Denn die Wandlung, die Beethoven in diesen Sonaten (noch einmal) durchmacht, ist bemerkenswert: Der Komponist der sonst so motorischen, stringent durchkomponierten Sonaten, vollführt eine letzte Wende, hin zur Sanglichkeit, hin zu einer so noch nicht erreichten lyrischen Expressivität. Hört man beispielsweise die Klaviersonate No. 31, op. 110 mit ihrem ersten Satz, der bezeichnenderweise die Tempoanweisung ‘Moderato cantabile molto espressivo‘ hat, so wird klar, wie anders diese Sonaten sind, wie sehr sie sich von früheren Sonaten unterscheiden und wie nah Beethoven hier, zumindest wenn man der Interpretation der Leonskaja zuhört, an die Romantik heran reicht ohne allerdings wirklich jemals wirklich romantisches Terrain zu betreten. Damit es zu keinen Missverständnissen kommt: Elisabeth Leonskaja romantisiert Beethoven nicht künstlich, der späte Beethoven dieser Klaviersonaten ist in besonderem Maße lyrisch, empfindsam und empfindlich (!) Wer diese Sonaten mit demselben Ansätze spielen würde, wie frühere Werke, der würde ihrer Eigenart nicht gerecht werden. Elisabeth Leonskaja ist allerdings eine viel zu intelligente, erfahrene und empfindsame (!) Pianistin, um diesen Fehler zu begehen. Sie spielt diese Sonaten mit zarten Zwischentönen, aber eben auch auf eine fast unbeethovensche Weise (zumindest wenn man die großen Gesten anderer Sonaten im Kopf hat) und wie aus einem Guss. Hört man dieses Album, so wird klar, warum man diese drei Sonaten oft als eine Einheit betrachtet werden, denen man ein vereinendes zu Grunde liegendes Thema nachsagt. In dieser Interpretation ist man geneigt, die drei Sonaten tatsächlich als Ganzes zu begreifen.
Die SACD Ludwig van Beethoven – Late Piano Sonatas · opp. 109 – 111 von Elisabeth Leonskaja erscheint morgen, am 21. Mai 2010 bei MDG (943 1622) und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt bzw. vorbestellt werden.
Inhalt:
- Klaviersonate No. 30 in E-Dur, op. 109
- Klaviersonate No. 31 in As-Dur, op. 110
- Klaviersonate No. 32 in c-Moll, op. 111
Ähnliche Beiträge:
- “Ludwig van Beethoven – Late Piano Sonatas · opp. 109 – 111″ von Elisabeth Leonskaja bei »Neue CDs« auf NDR Kultur besprochen
- Angela Hewitt: Ludwig van Beethoven – Piano Sonatas Vol. 3: No. 6, op. 10/2 · No. 12, op. 26 · No. 14, op. 27/2 “Moonlight” · No. 27, op. 90
- Alina Ibragimova & Cédric Tiberghien: Ludwig van Beethoven – Violin Sonatas – Vol. 3

Einträge (RSS)