Stephen Hough: Frédéric Chopin – Late Masterpieces
Geschrieben von Sal Pichireddu in Der besondere Tipp, Neuerscheinungen, Rezension
Wenn es eine Wertung gäbe, welcher Komponist in diesem multiplen Jubiläumsjahr (200. Geburtstag von Frédéric Chopin, 200. Geburtstag von Robert Schumann und 150. Geburtstag von Gustav Mahler, sowie zahlreiche andere Jubilare) bisher bei den Neu- und Wiederveröffentlichungen führt, dann würde Frédéric Chopin (1810-1849) diese ‘Hitparade’ souverän anführen. Es mag daran liegen, dass Chopins Musik weit über den üblichen Klassikmarkt hinaus hohes Ansehen besitzt. Chopin gehört zu den wenigen Komponisten, die jeder zu kennen scheint, ganz gleich, ob er klassische Musik üblicherweise hört oder nicht. Chopin ist das Sinnbild der Romantik, seine Musik ist für viele das Synonym romantischer Klaviermusik überhaupt, nicht ganz zu Unrecht, wie mir scheint, bei allem Respekt den anderen Komponisten gegenüber. Mehr noch als seine Musik ist das Klischee, das man mit ihm verbindet so verbreitet, dass es ganz gleich ist, dass die Leute kaum ein Stück von ihm benennen können.
Die Pianisten (und die Plattenfirmen) stecken in einem Dilemma: Wie soll man sich im Wust der zahlreichen Einspielungen hervorheben? Wie soll man das Interesse des Hörers wecken? Wie soll man ein Album produzieren, das dem Jubilar und dem Künstler gerecht wird? Die meisten Pianisten und Pianistinnen wählen eine sehr persönliche Auswahl an Werken aus dem Œuvre Chopins aus und versuchen den Hörer mit ihrem Chopin zu überzeugen. Nicht so der englische Pianist Stephen Hough: Er konzentriert sich bei seiner Auswahl auf die letzten fünf Jahre des polnischen Nationalkomponisten. Es waren die Jahre 1843 bis 1849. in denen Chopins Werke eine neue Ebene an Komplexität und emotionaler Tiefe erreichten. Dennoch (oder gerade deswegen) experimentierte Chopin mit neuen Formen, überarbeitete bewährte Formen noch einmal teilweise drastisch.
Stephen Hough hatte schon in der Vergangenheit belegt, dass er sehr gut mit romantischem und spätromantischen Repertoire umgehen kann, ebenso wie mit Werken der Moderne übrigens: Für seine Einspielungen der Werke von Frederic Mompou und John Corigliano erhielt er ebenso viel Kritikerlob wie für seine Einspielungen mit Werken unbekannterer romantischer Komponisten Emil von Sauer und Xaver Scharwenka. Nun hat er sich also auf Chopin eingelassen und weiß einmal mehr zu überzeugen: Stephen Hough präsentiert sich als wahrer Romantiker, nicht als Karikatur der romantischen Pianisten: Bei allem Einfühlungsvermögen und bei aller Emotionalität verliert er sich niemals in pathetischen Gesten, setzt das Pedal im Vergleich zu seinen Kollegen deutlich sparsamer ein (ein Fakt, dass Chopin meiner Meinung nach immer zugute kommt) und belegt damit seine englische Nonchalance, die sein Spiel gleichzeitig ungezwungen und unaufdringlich erscheinen lassen. Houghs Chopin ist kein Chopin der der überzeichneten Gesten voll bedeutungsschwangerer Moll-Akkordkaskaden, sondern vor allem ein rhythmisch fein ausbalancierter, nuancenreicher, vielschichtiger Komponist. Besonders exemplarisch gelingt Houghs Deutung sowohl bei der viersätzigen Klaviersonate No. 3 in h-Moll, op. 58, als auch bei der geheimnisvollen und vielschichtigen Polonaise Fantaisie in As-Dur, op. 61.
In seinen Anmerkungen nennt Hough Frédéric Chopin den »klassischsten Künstler der Romantik«, eine These, die man gewiss nicht häufig zu hören bekommt. Hört man jedoch Houghs überaus geschliffenes und strukturiertes Spiel, so erahnt man, was der englische Ausnahmekünstler mit dieser Formulierung gemeint haben könnte (außer Chopins offensichtlichem Verzicht auf phantasievolle Benennungen der Werke wie bei Schumann oder Liszt).
Stephen Hough ist übrigens ein überaus vielseitig talentierter Mann: Neben seinen herausragenden Fähigkeiten als Pianist, Arrangeur und Komponist, ist er auch ein beneidenswert eloquenter und witziger Autor: Sein lesenswertes Blog, das auf den Seiten der renommierten Londoner Tageszeitung Daily Telegraph erscheint, hat zahlreiche Leser und bietet einen sehr persönlichen Einblick in das Leben (und Leiden) eines Musikers und weit darüber hinaus: Sein Blog wird so eingeführt: »Stephen Hough is a concert pianist by night, but his daytime interests include theology, art, hats, puddings… and writing about them.« Die Melone auf dem Cover ist also kein Zufall.
Ein herausragender Beitrag zum Chopin-Jahr: Einfühlsamer kann man Chopin nicht spielen, authentischer (an einem modernen Konzertflügel) auch nicht. Hough ist ein wahrer Romantiker: ‘Die besondere CD‘ im Monat April 2010.
Das Album Frédéric Chopin – Late Masterpieces von Stephen Hough erscheint am 23. April 2010 auf Hyperion (CDA 67764) und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt bzw. vorbestellt werden.
Inhalt:
- Barcarolle in fis-Moll, op. 60
- Mazurka in f-Moll, op. 63/2
- Mazurka in a-Moll, op. 67/4
- Mazurka in cis-Moll, op. 63/3
- Mazurka in f-Moll, op. 68/4
- Polonaise Fantaisie in As-Dur, op. 61
- Nocturne in H-Dur, op. 62/1
- Nocturne in E-Dur, op. 62/2
- Klaviersonate No. 3 in h-Moll, op. 58
- Berceuse in Des-Dur, op. 57
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