Stephen Hough · Minnesota Orchestra, Osmo Vänska: Pyotr Tchaikovsky – The Three Piano Concertos · Concert Fantasia
Geschrieben von Sal Pichireddu in CD des Monats, Neuerscheinungen, RezensionDie Reihe The Romantic Piano Concerto des britischen Labels Hyperion gehört seit 1991 zu den interessantesten lang angelegten Aufnahmeprojekten in der Musiklandschaft. In bisher 49 Ausgaben wurden zahlreiche nahezu vergessene Schätze der romantischen Klavierkonzert-Literatur gehoben: Die Klavierkonzerte von Eugen d’Albert, Charles-Valentin Alkan, Mili Balaki
rev, Ferruccio Busoni, Ernö Dohnányi, Adolph von Henselt, Henry Charles Litolff, Erich Wolfgang Korngold, Joseph Marx, Nikolai Medtner,Eduard Nápravník, Nikolai Rimsky-Korsakov, Anton Rubinstein und vielen anderen Komponisten wurden größtenteils zum ersten Mal aufgenommen und so dem interessierten Hörer zugänglich gemacht.
Für die 50. Veröffentlichung dieser vielfach ausgezeichneten Reihe hat man sich etwas Besonderes einfallen lassen: Das Jubiläumsalbum präsentiert sämtliche Werke für Klavier und Orchester von Pyotr Ilyich Tchaikovsky (1840-1893): Neben dem berühmten Klavierkonzert No. 1 in b-Moll sind auch die selten zu hörenden (und selten aufgenommenen) Klavierkonzerte No. 2 in G-Dur (mit dem ungekürzten 2. Satz) und das unvollendete Klavierkonzert No. 3 in Es-Dur zu hören, außerdem die Konzertfantasie op. 56 für Klavier und Orchester, die zwar zu Lebzeiten des Komponisten beliebt war, danach aber in Vergessenheit geriet. Darüber hinaus wurden zwei Alternativ-Fassungen des 2. Satzes aus dem 2. Klavierkonzert angehängt: Die gekürzte Fassung des Pianisten der Uraufführung Alexander Siloti (dessen radikale Einschnitte Tchaikovsky vehement ablehnte) und eine behutsamere Neufassung des hier grandios agierenden Pianisten Stephen Hough. des vielleicht »besten Pianisten Großbritanniens« (so The Sunday Times), der dieses Doppelalbum mit dem Minnesota Orchestra (»the greatest orchestra in the world« so The New York Times) unter Osmo Vänska aufgenommen hat.
Und schon von den ersten berühmten Takten des Klavierkonzerts No. 1 in b-Moll merkt man: Hier hat eine künstlerische Kooperation zusammengefunden, die wirklich Überragendes zu leisten imstande ist. Das kraftvolle, virtuose, aber eben auch durch und durch einfühlsame Spiel Stephen Houghs mit dem blendend aufgelegten Minnesota Orchestra unter Osmo Vänskä machen aus dem (fast) überspielten b-Moll-Klavierkonzert ein echtes Hörerlebnis. Dazu trägt das unglaubliche Tempo bei, dass hier angeschlagen wird und Stephen Houghs unübertroffenen Fähigkeit gerade wohlbekanntem Repertoire neues Leben einzuhauchen. Selbst der berühmte 1. Satz des Konzerts (in Deutschland besonders bekannt als jahrelange Titelmelodie der ZDF-Satiresendung “Notizen aus der Provinz” mit Dieter Hildebrandt in den 1970ern) klingt auf einmal unverbraucht und begeisternd.
Die eigentlichen Highlights des Albums folgen aber erst nach dieser furiosen Darbietung, was keineswegs die phänomenale Einspielung des b-Moll-Konzerts schmälern soll: Derweil es eine Reihe von erstklassigen Einspielungen des Klavierkonzerts No. 1 gibt, wird man vergeblich nach so inspirierten Einspielungen der wundervollen Konzertfantasie op. 56 und des Klavierkonzerts No. 2 in G-Dur suchen müssen. Was Hough mit der zu Unrecht heute fast vergessenen Konzertfantasie und selbst mit dem weniger inspirierten Klavierkonzert No. 2 macht (bei allem Respekt: es ist gewiss nicht Tchaikovskys beste Komposition) ist wirklich hörenswert: Houghs Fähigkeit virtuos, akzentuiert und dann wieder gefühlvoll zu spielen kommt diesen durch und durch romantischen Werken zugute, sein Einfühlungsvermögen in diese Werke ist unübertroffen. Hough lebt diese Musik.
War das G-Dur-Klavierkonzert bisher für mich nicht viel mehr als der missglückte Versuch Tchaikovskys das erste Konzert zu imitieren, so entpuppt es sich auf einmal als völlig eigenständiges Werk, dem vielleicht der Genius des Vorgängers, nicht aber an Sorgfalt und bezaubernden Momenten mangelt. Gerade wenn man das Konzert mit dem von Hough bearbeiteten 2. Satz hört wird klar, wie viel Substanz auch in diesem Werk steckt, das eben das Pech hat, stets im Schatten eines noch bekannteren Konzerts zu stehen. Dass Tchaikovsky mit der Gattung des Klavierkonzerts noch nicht abgeschlossen hatte und nur sein plötzlicher Tod ihn davon abhielt, mit dem Klavierkonzert No. 3 in Es-Dur, op. 75 ein (weiteres) originelles (und anders geartetes) Highlight zu vollenden (vom Konzert liegt nur der erste Satz vollendet vor), belegt Hough mit derselben Souveränität, mit der er das andere Material auf dieser rundum gelungenen und empfehlenswerten Einspielung eingespielt hat. Ich hätte ehrlich gesagt niemals geglaubt die Werke für Klavier und Orchester von Tchaikovsky jemals so frisch und unverbraucht zu hören. Dass diese herausragenden Einspielungen live entstanden sind, merkt man erst am aufbrausenden Applaus am Ende der Darbietungen, nicht aber am exzellenten Klang der Aufnahmen.
Besser kann man sich diese Musik wirklich nicht wünschen: Kraftvoll, virtuos, lyrisch, pathetisch und mit unwiderstehlichem Melodie-Reichtum: Die Doppel-CD The Romantic Piano Concerto Vol. 50 mit den Werken für Klavier und Orchester Pyotr I. Tchaikovsky, gespielt vom Minnesota Orchestra unter der Leitung von Osmo Vänska mit Stephen Hough als überragendem Solisten ist die CD des Monats April 2010.
Die Doppel-CD The Romantic Piano Concerto Vol. 50 mit den drei Klavierkonzerten und der Konzertfantasie von Pyotr Ilyich Tchaikovsky, gespielt vom Minnesota Orchestra unter der Leitung von Osmo Vänska mit Stephen Hough, als Solisten ist am 23. April 2010 auf Hyperion (67711/2) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Klavierkonzert No. 1 in b-moll, op. 23
- Konzertfantasie in G-Dur, op. 56
- Solitude, op. 73/6 (Arr. S. Hough) – Stephen Hough solo
- None but the Lonely Heart, op. 6/6 (Arr. S. Hough) – Stephen Hough solo
- Klavierkonzert No. 2 in G-Dur, op. 44
- Klavierkonzert No. 3 in Es-Dur, op. 75
- Klavierkonzert No. 2 in G-Dur, op. 44 – II. Andante non troppo (Ed. Siloti)
- Klavierkonzert No. 2 in G-Dur, op. 44 – II. Andante non troppo (Ed.Hough)
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