Anton BrucknerFür jedes Orchester sind Sinfonien von Anton Bruckner (1824-1896) eine besondere Herausforderung (ähnlich wie vielleicht sonst nur bei den Werken Gustav Mahlers): Zum einen verlangen sie vom Orchester einen ganz besonderen Klang, zum anderen ist die Wahl der Fassung einer Sinfonie Bruckners bekanntermaßen keine einfache: Bruckner selbst fertigte zahlreiche Revisionen seiner Werke an. Die Kritik ging nicht immer freundlich mit seinen Werken um und der (in dieser Hinsicht) wenig selbstbewusste Bruckner änderte daraufhin seine Werke in nicht unerheblichem Maße, nicht immer zum Vorteil dieser. Heute greift man weitgehend auf die Originalfassungen zurück (sofern vorhanden) und lässt seine Revisionen (und vor allem die schroffen Kürzungen und Nachbearbeitungen anderer) außer Acht. Zur Problematik der Fassungen verweise ich auf den entsprechenden Absatz im Wikipedia-Artikel zu Anton Bruckner und ggf. zu den dort angeführten Quellen. Immerhin: Nicht von allen Sinfonien Bruckners gibt es konkurrierende Fassungen, die nun vom Residentie Orkest aus Den Haag unter Neeme Järvi für das britische Label Chandos eingespielte Sinfonie No. 5 in B-Dur, WAB 105 gibt es nur eine übliche Fassung.

N. Järvi - Anton Bruckner - Symphony No. 5Das erste, was an Neeme Järvis Einspielung auffällt, sind die extrem straffen Tempi, die der gebürtige Este bei der sogenannten “Glaubenssinfonie” gewählt hat. Im Vergleich zu den Referenzeinspielungen (etwa von Günter Wand, Eugen Jochum oder Otto Klemperer) braucht Järvi statt rund 74 Minuten bloß etwas mehr als eine Stunde. Trotzdem klingt die einzelnen Sätze in sich geschlossen und keineswegs gehetzt, trotzdem: Järvi entfernt sich bei seiner Deutung dieser Sinfonie unüberhörbar von den Konzeptionen anderer. Bruckners Fünfte wirkt bei Järvi deutlich weniger religiös als bei den meisten anderen Interpreten, auch neueren Datums (Harnoncourts kontroverse Einspielung mit den Wiener Philharmonikern einmal ausgenommen). Unter Järvis Dirigat wird die Sinfonie ein gutes Stück weltlicher, was keineswegs gegen die Intentionen Bruckners sprechen muss. Er selbst hatte die Sinfonie ja die “Phantastische” genannt und sie als sein »kontrapunktisches Meisterstück« gerühmt. Järvis Lesart nähert sich dieser allgemeineren Auslegung des Werkes an; das Attribut ‘katholisch’ mag man dieser Deutung nicht geben. Bruckners Fünfte wird hier tatsächlich ein gutes Stück entmystifiziert und wirkt dadurch weniger andächtig, dafür aber deutlich klassischer, als man es gemeinhin von Bruckner gewohnt ist. Möglicherweise wird Anton Bruckner nicht ganz grundlos als der tief gläubige Komponist dargestellt, dessen Werk vor allem von seiner Religiosität durchdrungen ist, Neeme Järvi hütet sich aber davon, ihn darauf zu reduzieren. Seine Interpretation misst Bruckners Glauben hier nicht mehr Bedeutung zu, als bei seinen anderen Sinfonien: Feierlich, phantastisch, gewaltig und kraftvoll, ja – aber nicht im Glauben entrückt. Man darf nicht vergessen, dass diese Konnotation von anderen kam, nicht von Bruckner selbst! Dennoch bin ich mir sicher, das diese Aufnahme in der eher konservativen Bruckner-Fangmeinde nicht unumstritten bleiben wird: Gut so, denn nur wenn eine Aufnahme etwas Neues, Diskussionswürdiges bietet, ist sie in einem Katalog so vielfacher Einspielungen wirklich eine Bereicherung.

Last, but not least: So überraschend (und erfrischend) Järvis Herangehensweise bei dieser SACD ist, so überraschend ist auch die Leistung des hierzulande wenig bekannten Residentie Orkest aus Den Haag (international auch The Hague Philharmonic genannt). Vor allem die Holz- und Blechbläser faszinieren bei einer insgesamt wirklich makellosen Aufnahme in bester Aufnahmequalität.

Die Besondere CD - CodaexEine mutige Neudeutung der Sinfonie No. 5 von Anton Bruckner von Neeme Järvi und dem überraschenden Residentie Orkest.  Für die in sich schlüssige Deutung erhält die Aufnahme das Prädikat ‘die besondere CD’ im Monat April 2010.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die SACD  Anton Bruckner -  Symphony No. 5 des Residentie Orchestra The Hague unter Neeme Järvi ist am 23. April 2010 auf Chandos (CHSA 5080) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

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