Pieter Dirksen: Johann Sebastian Bach – Goldberg Variations · Canonic Variations
Geschrieben von Sal Pichireddu in Neuerscheinungen, Rezension
Die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach (1685-1750) sind zweifelsohne der Höhepunkt der barocken Variationskunst. Die “Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Veraenderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen“, wie Bach sie selbst bei dem von ihm in Auftrag gegebenen Erstdruck nannte blieben trotz einiger Versuche in der Romantik und Spätromantik, sie durch Bearbeitungen für das Klavier bekannter zu machen, weitgehend unbeachtet. Erst nach dem 2. Weltkrieg wurden die Goldberg-Variationen zu einem festen Begriff beim Publikum.
Zwar hatte die Polin Wanda Landowska als erste Cembalistin bereits 1933 die Variationen zusammenhängend und ungekürzt aufgeführt (ihre erste Gesamtaufnahme stammt aus dem November 1933) , es sollte jedoch die US-amerikanische Pianistin Rosalyn Tureck sein, die die Variationen als erste mit einiger Beachtung von Publikum und Kritik am modernen Konzertflügel umsetzen konnte. Sie war gewissermaßen die Patin des kanadischen Exzentrikers Glenn Gould (Gould nannte die Tureck mal seinen »einzigen Einfluss«), dessen legendäre Einspielung von 1955 die Goldberg-Variationen und den Pianisten quasi über Nacht weltberühmt machen sollte. Nach dieser Aufnahme sollten alle künftigen Aufnahmen an dieser gemessen werden und für die Cembalisten wurde es nach Gould schwer, sich überhaupt noch mit ihren Vorstellungen von Authentizität durchzusetzen: Goulds Einspielung mag zwar alles andere als werktreu gewesen sein, sie war aber schlüssig und vermittelte das sonst so kantige und intellektuelle Variationswerk nachvollziehbar und gänzlich unromantisch.
Erst mit dem Aufkommen der Originalklang-Bewegung rückte das Cembalo wieder mehr in den Fokus der Interpretationen: Gustav Leonardt (Deutsche Harmonia Mundi, 1976), Bob van Asperen (EMI, 1991) und vor allem Trevor Pinnock (DG/Archiv, 1980) ebneten mit ihren allgemein gelobten Interpretationen den Weg für authentische Einspielungen der Goldberg-Variationen auf dem Cembalo, auf Basis der neuen Bach-Ausgabe.
Dennoch beklagt der niederländische Musikwissenschaftler, Organist und Cembalist Pieter Dirksen in den Anmerkungen zu seiner gerade beim kleinen, aber feinen niederländischen Label Etcetera erschienen Aufnahme der Goldberg-Variationen (ergänzt durch die “Kanonische Variationen über das Weihnachtslied ‘Vom Himmel hoch, da komm ich her’”, BWV 769):
»Ich kenne kein anderes Hauptwerk der westlichen Musikgeschichte, bei dem die Intentionen eines Komponisten heute so systematisch ignoriert werden.«
und zum Grundgedanken seiner Interpretation schreibt er kurz zuvor:
»Diese Aufnahme versucht den Intentionen Bachs soweit wie möglich gerecht zu werden. Natürlich ist ein zweimanualiges Cembalo das einzige infrage kommende Instrument, wie Bach deutlich auf seiner Titelseite bemerkt (…) Ich will es gar nicht besser wissen als Bach.«
Was uns auf diesem Album also erwartet ist ebenso klar, wie faszinierenderweise unbekannt: Der ‘reine Bach’ (nach derzeitigem Stand der Forschung sollte man immer einschränkend hinzufügend), gespielt von einem anerkannten Bach-Fachmann auf einem adäquaten Instrument (einer 1996 von Sebastián Nuñez (Utrecht) gebauten Kopie eines Cembalos von Johann Ruckers (Antwerpen) aus dem Jahre 1638). Dirksen spielt die Aria mit den 30 Variationen (und auch die Kanonischen Variationen, diese allerdings auf der Orgel, wie es das Werk vorsieht) sorgfältig, mit Bedacht und inklusive aller Wiederholungen, die bei den meisten anderen Einspielungen weggelassen werden, weil sie unseren heutigen Hörgewohnheiten nicht mehr entsprechen. Er vermeidet dabei die mittlerweile durchaus üblichen extremen Tempi, da sie bei einem doppelmanualigem Spiel dazu neigen, die Polyphonie und die Transparenz der Kompositionen zu beeinträchtigen. Das Ergebnis ist eine genaue, ja minutiöse Umsetzung der Goldberg-Variationen, ohne künstlerische Egomanien und ohne mutwillige Eingriffe des Interpreten in den Notentext. À la bonne heure! Das hört man selbst heute so kompromisslos nicht häufig.
Ich bin nicht der Meinung Dirksens, dass man die Goldberg-Variationen unbedingt nur auf einem zweimanualigen Cembalo spielen sollte, dafür gibt es heute viel zu viele stringente Umsetzungen auf dem modernen Klavier und auf anderen Instrumenten; sehr wohl kann diese Aufnahme aber dazu dienen, die ursprünglichen Intentionen Bachs exemplarisch zu Gehör zu bringen, sozusagen bevor die Goldberg-Variationen ein Eigenleben entwickelten.
Das Doppelalbum Johann Sebastian Bach – Goldberg Variations · Canonic Variations von Pieter Dirksen ist am 19. März 2010 auf Etcetera (KTC 1400) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Goldberg-Variationen (am Cembalo)
- Kanonische Variationen (an der Orgel)
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