Bearbeitungen für Klavier zu vier Händen (oder für zwei Klaviere) hatten bis weit in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein eine eminente Bedeutung bei der Popularisierung von (neuer) klassischer Musik. Zwar verbreitete sich das Grammophon zunehmend und immer mehr Werke waren als Schallplatte erhältlich, doch waren die frühen Schallplatten zeitlich sehr begrenzt, die Aufnahmetechnik steckte noch in den Kinderschuhen (von einem natürlichen Klangbild konnte noch lange nicht die Rede sein) und die Auswahl der Aufnahmen beschränkte sich auf populäre Massenware. Neue Werke wurden selten aufgenommen. Piano Duo Trenkner-Speidel - Ravel - Honegger - Rimsky-KorsakovSie waren dem Konzertsaal oder der privaten Aufführung im bürgerlichen Ambiente vorbehalten. Darüber hinaus hatte das gemeinsame Musizieren und hier insbesondere das gemeinsame Musizieren am Klavier eine eigene soziale Rolle: Nahezu puritanisch anmutende Gesellschaftskonventionen machten es Männern und Frauen nicht leicht, sich (buchstäblich) näher zu kommen. Das gemeinsame Musizieren war auch ein willkommener Anlass, um sonst nicht schickliche räumliche Nähe zwischen den Geschlechtern zuzulassen.

Es war üblich von größeren symphonischen Werken Fassungen für Klavier, für Klavier-Duo und/oder für Klavier zu vier Händen anzufertigen. Das brachte den Komponisten eine lukrative zusätzliche Einnahmequelle und half bei der Verbreitung der neuen Werke, brachte sie auch ohne Orchester einem breiteren Publikum zu Gehör. Oft genug fertigen die Schüler oder Assistenten der Komponisten diese Arrangements an, in nicht seltenen Fällen arbeiteten die Komponisten selbst diese Bearbeitungen aus, die oft genug mit den Fassungen Dritter (zurecht!) nicht einverstanden waren. Auf der vorliegenden CD des Duos Trenkner/Speidel (mit den Pianistinnen Evelinde Trenkner und Sontraud Speidel) finden sich drei Werke, die von ihren Komponisten selbst für Klavier zu vier Händen arrangiert wurden: Die Reduktion für Klavier zu vier Händen der symphonischen Suite Scheherazade, op 35 (aus dem Jahre 1899) von Nikolai Rimsky-Korsakov (1844-1908); die Reduktion des symphonischen Satzes Pacific 231 (1924) von Arthur Honegger (1892-1955) und der Boléro von Maurice Ravel (1875-1937) in der Transkription für Klavier zu vier Händen (1929, ein Jahr später fertigte Ravel noch eine weitere Bearbeitung für zwei Klaviere an).

Schon in der Vergangenheit hat das Duo Trenkner/Speidel sehr viel Lob für ihre CDs mit Arrangements für vierhändiges Klavier bzw. für Klavierduo erhalten. Kein Wunder, denn kaum hat man die ersten Noten ihres Spiels vernommen, schon merkt man, wie symbiotisch ihre künstlerische Verbindung ist. Es wirkt nicht so, als ob hier zwei autarke Persönlichkeiten sehr gut eingespielt miteinander musizieren würden, sondern so, als ob es den beiden Künstlerinnen gelänge, ihre Ausdrucksmöglichkeiten so sehr ineinander zu verschmelzen, dass ihr Spiel ein ein Ganzes (und nicht wie zwei Teile eines Ganzen) wirkt. Wenn man den beiden (übrigens auch als Solistinnen) bemerkenswerten Künstlerinnen zuhört, möchte man stellenweise eher an ein pianistisches Wunderwesen mit vier Händen glauben, als an zwei Individuen, so harmonisch, so (ich sag es noch einmal) symbiotisch ist das Ergebnis.

Maurice Ravel

Maurice Ravel

Die Arrangements mögen allesamt aus der Feder ihres Komponisten stammen, doch ansonsten halten sich die Ähnlichkeiten der Ausarbeitungen in Grenzen und das obwohl alle drei Werke in einem Zeitraum von 30 Jahren geschrieben wurden. Es war eben eine Zeit, in der viele Strömungen gleichzeitig existierten. Abgesehen von prinzipiellen stilistischen Unterschieden zwischen den drei Komponisten haben die ursprünglichen Kompositionen zumindest gemein, dass sie über ausgefeilte und wohl durchdachte Orchestrierungen verfügen. Diese Wuchtigkeit, mit der sich die Originale in Szene setzen, bleibt nicht immer erhalten. Während Rimsky-Korsakov und Honegger ihre Bearbeitungen nicht Réduction zufällig nennen – und die Fassungen tatsächlich wie Reduzierungen der Originale wirken – ist Ravels Bearbeitung des Boléro eine Transcription, die viel stärker als Honeggers oder gar Rimsky-Korsakovs Bearbeitung darauf aus ist, die rhythmischen und klanglichen Orchestereffekte mit dem Klavier zu vier Händen zu imitieren, sie zu umschreiben.

Arthur Honegger

Arthur Honegger

Honeggers Pacific 231 (benannt nach einer Anfang des 20. Jahrhunderts weit verbreiteten, sehr schnellen Dampflok) in der reduzierten Fassung für Klavier zu vier Händen wirkt noch rhythmischer, als die Orchestervorlage. Durch die Konzentration auf das Klavier mit seinen melodischen und rhythmischen Möglichkeiten, wird Honeggers genialer Ansatz in gewisser Weise noch transparenter: Nicht das Tempo der Musik beschleunigt sich (wenn die Dampflok Fahrt aufnimmt), sondern die Notenwerte verkürzen sich, während das eigentliche Tempo stets dasselbe bleibt.

Hier ein experimenteller Kurzfilm von 1949, gedreht von Jean Mitry, mit der Originalmusik von Honegger (der Komponist dirigiert selbst):

Nikolai Rimsky-Korsakov

Nikolai Rimsky-Korsakov

Rimsky-Korsakovs Fassung für Klavier zu vier Händen seines Wohl populärsten Werkes Scheherazade (über Wohl und Wehe der Beschränkung Rimsky-Korsakovs auf ein Stück schrieb ich im Zusammenhang mit der Neuveröffentlichung des Albums “Orchestral Suites” des Russian National Orchestra unter Mikhail Pletnev) vermittelt einen ganz anderen Höreindruck, als das Original. Während Rimsky-Korsakovs Orchesterfassung in opulenten Klängen schwelgerisch wirkt und geradezu verschwenderisch mit den Klanfarben des Orchesters ausgestattet ist – Rimsky-Korsakov galt nicht zu Unrecht als ein Meister der Orchestrierung – ist die vorliegende Klavierfassung deutlich schlichter ausgefallen. Durch den Wegfall des Orchesters wirkt die Suite auf einmal gar nicht mehr so dezidiert russisch, wie die Vorlage: Am Klavier offenbart sich die durch und durch romantische Seele des Werkes. Es ist schon erstaunlich wie anders das Werk so reduziert nun wirkt. Wollte der Komponist eine andere Facette der Suite offenbaren oder ist der veränderte Höreindruck wirklich nur Ergebnis der Unmöglichkeit die Klangfarben der Klangfarben des Originals am Klavier zu imitieren?

Drei Orchesterwerke, dreimal auf unterschiedliche Art und Weise für Klavier zu vier Händen umgesetzt, dreimal einfühlsam und mit unglaublicher Präzision im synchronen Spiel  vom Duo Trenkner/Speidel interpretiert. Wenn man das Duo so muszieren hört, dann bereut man, dass diese Tradition heute so weit in den Hintergrund getreten ist. Andererseits: Es gibt noch genügend Material, dass das Duo einspielen kann.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Das Album des Piano Duo Trenkner/Speidel mit Werken von Nikolai Rimsky-Korsakov, Arthur Honegger und Maurice Ravel für Klavier zu vier Händen erscheint am 23. April 2010 auf MDG (330 1616-2) und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt  bzw. vorbestellt werden.

Inhalt:

  1. Nikolai Rimsky-Korsakov Sheherazade – Suite Symphonique op. 35. Réduction pour Piano à 4 mains
  2. Arthur Honegger – Pacific 231, Mouvement Symphonique. Réduction pour Piano à 4 mains
  3. Maurice Ravel – Boléro. Transcription pour Piano à 4 mains

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