LSQ: Robert Schumann - Streichquartette / KlavierquintettVor einigen Tagen ist ein neues Doppelalbum mit den Streichquartetten (und dem Klavierquintett) von Robert Schumann auf dem audiophilen Label MDG erschienen, interpretiert vom Leipziger Streichquartett (s. dazu auch die → Besprechung auf blog.codaex.de, Prädikat “Die besondere CD”). Das Besondere an dieser Veröffentlichung ist nicht nur das Spitzenensemble, sondern auch die Musik selbst: Zum ersten Mal wurden nicht die hinlänglich bekannten revidierten Fassungen der Quartette eingespielt, sondern die Urfassungen, also jene Fassungen, die bei der öffentlichen Premiere am 8. Januar 1843 im Gewandhaus Leipzig uraufgeführt wurden und bevor sie nach Mendelssohns freundschaftlicher Kritik von Robert Schumann überarbeitet wurden. Im Rahmen dieser Albumveröffentlichung führte ich mit Matthias Moosdorf, dem Cellisten des Leipziger Streichquartett, ein Interview:

Gerade ist Ihr Album mit den Streichquartetten von Robert Schumann erschienen. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden? Wie waren die ersten Reaktionen aus der Presse?

Die ersten beiden Artikel waren ausführlich und sehr positiv. Beide betrachten die Idee auch im Kontext unserer anderen Einspielungen und waren gespannt auf das was da kommen würde.

Und Sie selbst? Sind Sie mit dem Klang und der Produktion zufrieden? MDG ist ja bekannt für seine exzellente Klangqualität. Wie wichtig ist Ihnen der Sound der Aufnahmen?

Der Saal in Marienmünster ist neu und bedarf von unserer Seite noch einer Auslotung. Der Klang ist sehr wichtig, natürlich, warm und verbindend sollte er sein. Man muss mit dem Nachklang arbeiten können. Das kommt auch dieser CD zugute.

Robert SchumannSie haben sich (mit ihrem Kollegen) für die Urfassungen der Streichquartette entschieden und nicht für die hinlänglich bekannten, von Schumann selbst revidierten Fassungen. Was waren die Beweggründe hierfür?

Die Veröffentlichung ist die erste, die alle erreichbaren Quellen aus öffentlichen und privatem Besitz, von der Skizze über die Reinschrift, Erstdruck, Korrektur bis zu der von Clara Wieck edierten Ausgabe berücksichtigt. Die Idee einer durchkomponierten Anlage wird ebenso ersichtlich wie die bisher ungehörte, farbenreichere Bandbreite seiner musikalischen Sprache. Das LSQ wird dazu übrigens auch die Herausgabe des Stimmenmaterials beim Leipziger Pfefferkorn-Verlag besorgen, welche neben der genauestens rekonstruierten Partitur zusätzlich erscheinen wird.

Heißt das, dass Sie das bisherige Verständnis der Quartette nachhaltig durch eine Neuausgabe verändern wollen?

Der Wille zur Veränderung ist eher ein behutsamer: das Interessante wird sich durchsetzen!

Nach der Alten Musik und dem Barock gibt es immer mehr Tendenzen auch die Musik der Wiener Klassik und der Romantik ‘historisch informiert’ aufzuführen. Wie steht das LSQ dazu und wie versuchen Sie im Ensemble Authentizität zu gewährleisten?

Es geht nicht ohne diese Information. Sie ist im Subtext Bestandteil des Notentextes.

Was tut das LSQ um an diese Information zu gelangen, sich diese zu erarbeiten?

Alles was erreichbar ist, einfließen zu lassen: in Büchern, in Bildern und Briefen, musikalischer Konnotation. Stilistik, Instrumentenkunde etc. Das ist die eigentliche Arbeit der Interpretation. Zusammen und sauber spielen können viele.

Leipziger Streichquartett

Leipziger Streichquartett, Quelle: leipzigquartet.com / Foto Gert Mothes

Zahlreiche ihrer bisherigen Aufnahmen haben von der Kritik das Prädikat ‘Referenz-Charakter’ verliehen bekommen. Um diesen ‘Titel’ hat Sie die Wahl der Urfassungen möglicherweise gebracht, weil man nur darauf hinweisen wird, dass Sie nicht die üblichen Fassungen gespielt haben. Wurmt Sie das nicht ein wenig?

Viele Änderungen sind es nicht. Aber sie sind gewichtig und weisen den Weg in die typisch Schumann’sche Intention. Ich wäre nicht verwundert, wenn sich diese Lesart auch im Konzert durchsetzen würde.

Das heißt also, dass Sie das Bild von Schumann gerade rücken möchten, eine Tendenz, die man im diesjährigen Jubiläumsjahr ohnehin erkennen kann, wenn ich mir die Veröffentlichungen anschaue. Mir scheint, dass vieles, was wir bisher als zutiefst romantisch empfunden haben erst ein Klischee ist, das viel später in diese Epoche hineingelegt wurde. Die Klaviermusik von Chopin und Schumann, gespielt auf Originalinstrumenten, hat eine ganz andere Wirkung als auf modernem Instrumenten. Ist es an der Zeit unser Bild von der Romanik neu zu überdenken, sie in gewisser Weise zu entmystifizieren?

Den ersten Teil kann man kurz beantworten: ganz richtig. Was die Romantik betrifft, ist sie eine Summe von Kunstäußerungen, Empfindungen und neuen Ideen und Stilen. Aber auch eine völlig neue Welt der Formen. Die Grenzen der Klassik werden abgeschüttelt, Zwänge und Rahmen entgrenzt. Eine Gegenwelt, die auch schöpferische Antwort auf die soziale Kälte der Restauration in Europa unter Metternich war, ruft nach neuen Formen. Das sind weitaus komplexere Zusammenhänge als das was wir heute als “Romantik” und “romantisch” verklären.

Welche Fassungen werden Sie auf Konzerten spielen: Die Urfassungen oder doch die revidierten? Wie groß ist der Unterschied wirklich?

Das Klavierquintett und das A-Dur Quartett sind fast unverändert geblieben. In den anderen Werken sind einige Stellen in den neuen Ausgaben weggelassen, Stricharten konventionalisiert worden und Artikulationen romantisch verändert. Schumanns ursprüngliche Idee kommt wesentlich klassischer daher – was Tempo und Grundcharakteristiken betrifft – allerdings angereichert mit aufsprengenden Zutaten. All das wurde später quasi wieder “abgeschliffen”.

Die Streichquartette wurden also posthum “romantisiert”?

Sagen wir: dem Zeitgeschmack oder dem, was Mendelssohns Ideal davon war, angepasst.

Wie erklären Sie sich, dass Schumanns Streichquartette deutlich weniger bekannt sind, als etwa sein Klavierquintett, das Sie je ebenfalls aufgenommen haben?

Sie sind im Vergleich zu ihrer Umgebung: dem Quintett, den Liedern oder Klavierwerken wesentlich sperriger. Man hört, dass er die Form noch sucht, nicht vollkommen beherrscht.

Woran hört man dies?

Manches ist theoretisch geblieben. Die Taktverschiebungen werden nicht immer Musik. Da gibt es viel persönlich zu bewerten…

Leipziger Streichquartett

Leipziger Streichquartett, Quelle: leipzigquartet.com / Foto Gert Mothes

Die Schumann-Quartette wurden in Leipzig uraufgeführt, ebenso wie viele andere Werke der Romantik (ich denke da etwa an die Werke Mendelssohns), Sie leben und arbeiten in derselben Stadt, die in der Romantik eines der Zentren der Musik, nicht zuletzt der Kammermusik war. Ist der Standortvorteil heute noch gegeben? Ist man wirklich näher an der Musik dran oder ist es eher ein psychologischer Faktor, möglicherweise bei Musikern und beim Publikum?

Was hat Leipzig, sein Klima, seine Ideen, seine Gesellschaft in ihm bewirkt? Und was hat er in Leipzig angestoßen? Diese Fragen stellen wir uns immer wieder. Die große Agonie nach Beethoven endete im Umsturz, der Gründung einer neuen Schule des Komponierens bis hin zu Liszt, Bruckner, Wagner, Wolf und Mahler. Anders als Beethoven, anders als Mendelssohn welche sich auf die Klassik weiter beriefen. Und trotz allem erkennt und förderte er, Schumann, der Davidsbündler, der Publizist und Verleger mit den zwei Seelen des Florestan und Eusebius in seiner Brust das “gegnerische” Lager, ebnete Brahms den Weg zur Weltgeltung.

Vieles an ihm ist Umsturz, bis in die engsten Familienbande hinein bricht er mit Traditionen, fordert heraus, nimmt sich was ihm Recht scheint. Schreckt dabei auch vor kriminellem Eigensinn nicht zurück. Egomanisch, anspruchsvoll bis zum Exzess, dann wieder sentimental und sensibel begründet er die Romantik in der Musik am glaubwürdigsten, jene hier in Sachsen in den Bildern von Richter schon vorweg genommene Gegenwelt des inneren Seins, der Emigration ins Ferne und Märchenhafte. Musikalisch dachte er vom Klavier und vom Lied, in beidem schuf er wahrhaft Revolutionäres, Neues, Modernität in bestem Sinn.

Leipzig war sein Zentrum lange Zeit, hier wähnte man sich im Auge der Zeitströmung, gab sich welt-städtisch, aufgeklärt. Welche Parallelen atmen die Luft dieser Stadt bis heute? Gibt es eine Aura des Umsturzes? Was machte die Romantiker für die Herrschenden so gefährlich? Sind die Gedanken wirklich frei? Zu all diesen Fragen ist Schumann ein Schlüssel möglicher Antworten, sein Blickwinkel beleuchtet gleichsam ein ganzes Jahrhundert nach ihm.

Leipziger Streichquartett - LogoWenn ich Aufnahmen von Ihnen oder von Ihren Kollegen vom Gewandhaus-Quartett anhöre, dann finde ich, bei allen Unterschieden, die man zwischen den beiden Ensembles erkennen kann, gewisse Gemeinsamkeiten, einen Sound, der die beiden Ensembles auszeichnet und der sie anders klingen lässt als etwa Quartette aus Berlin, Köln, oder Wien. Gibt es diesen Leipzig-Sound Ihrer Meinung nach wirklich oder ist das nur eine “geographische Suggestion”? Und wenn es ihn gibt, was macht ihn Ihrer Meinung aus und was steckt dahinter? Gibt es so etwas wie eine innerstädtische Konkurrenz der beiden Ensembles?

Wenn Sie ihn hören, scheint es ihn zu geben. Er ist die Summe und das Licht unserer musikalischen, gesellschaftlichen und sozialen Erfahrung. Ihn technisch – akustisch zu determinieren, wäre vergeblich. Im übrigen höre ich in Ihrem Vergleich mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Die Ensembles sind doch sehr verschieden und viele Ähnlichkeiten gibt es nur im Auge des Betrachters (oder dem Ohr des Hörers). Richtig ist aber auch, dass es eine hörbare sächsische Art gibt, Streichinstrumente zu spielen, besonders im Ensemble, von Trio bis Orchester. Das ist Bestandteil unserer Kultur.

Es ist wohl vor allem jene “sächsische Art”, Streichinstrumente zu spielen, die bei den beiden Ensembles ähnlich ist (und ich gebe Ihnen recht, wenn Sie die Unterschiede herausstellen: Selbstverständlich sind die beiden Ensembles keine zweieiigigen Zwillinge). Können Sie den Lesern kurz schildern, worin der prinzipielle Unterschied besteht?

Es ist doch reizvoll, diesen zu hören. Rosen zu zerkleinern, um ihre Substanz zu suchen trifft es nicht. Schauen Sie sie doch an, das ist wichtiger!

Wie sehen die Pläne für Zukunft aus? Stehen dieses Jahr neue (Aufnahme-) Projekte an?

Es wird ein Haydn Vol. 3 und 4 geben. Und Mahlers “Lied von der Erde” in der Fassung von Arnold Schönberg. Dazu eine CD mit Kammermusik von August Klughardt.

Vielen Dank für das interessante Interview.

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