Emma Kirkby · Ian Partridge · David Thomas · The Parley of Instruments, Roy Goodman & Peter Holman: Claudio Monteverdi – Sacred Vocal Music
Geschrieben von Sal Pichireddu in Rezension, Wiederveröffentlichungen
Als das Album “Sacred Vocal Music” mit geistlichen Vokalwerken von Claudio Monteverdi (1567-1643) vor fast 30 Jahren 1981 zum ersten Mal erschien, da steckt die Originalklang-Bewegung zwar nicht mehr so recht in den Kinderschuhen, aber sie musste noch mit vielen Vorurteilen (und vielen eingefahrenen Hörgewohnheiten) kämpfen. Erste Erfolge wurden vor allem beim bekannten Repertoire erzielt, wo man langsam begann, die Musik anders zu hören und von der unkritischen Rezeption abzurücken. Die Musikwelt begann sich zu verändern. Überall in Europa gründeten sich Ensembles, die sich der authentischen Aufführung verschrieben, die die Quellen studierten, sich über Instrumentenbau und Musikgeschichte beschäftigten. Die Ausführenden wurden selbst zunehmend Forscher.
Erst im 20. Jahrhundert wurde Claudio Monteverdi überhaupt wieder wahrgenommen, als Gian Francesco Malipiero, seine Kompositionen von 1916 bis 1942 in sechzehn Bänden veröffentlichte. Teile der Musik wurden schnell wieder bekannter, auch Dank der Originalklang-Bewegung, die die Wichtigkeit des Meisters aus Norditalien herausstellte. Doch derweil seine Opern, vor allem “L’Orfeo” (die ‘erste Oper’ überhaupt) und seine Marienvesper schnell an Popularität gewannen, blieben große Teile seines Œuvres weitgehend unbekannt, gerade wenn es sich um die vermeintlich ‘konventionelleren’ Psalmvertonungen, Hymnen für und Motetten aus der Sammlung “Selva morale e spirituale” (zu Deutsch “Moralischer und geistiger Wald“) handelte. Peter Holman, Organist und einer der beiden Dirigenten dieser Aufnahmen schrieb 1981 in den Liner Notes dazu:
»(…) Wohl nur eine Handvoll mit dem reichhaltigen Angebot an Musik aus den beiden riesigen Werken Selva morale e spirituale von 1641 und der nach seinem Tode veröffentlichen Messa a quattro voci et salmi von 1651 vertraut sind, welche den Großteil des Schaffens von Monteverdi in seinen dreißig Jahren als Kapellmeister an San Marco in Venedig ausmachen. Diese Aufnahme soll dazu dienen, hoffentlich viele neue Freunde für die spätere Kirchenmusik Monteverdis zu gewinnen. Ein Grund, warum diese wunderbare Musik heute immer noch fast unbekannt ist, liegt darin, dass sie nicht mit dem modernen Bild von Monteverdi als ein Meister massiver Chor und Instrumentaleffekte (…) übereinstimmt; manches davon ist ja noch nicht einmal echte Chormusik.«
Tatsächlich wird auf diesem Album ein anderer, auch heute noch weitgehend unbeachteter Monteverdi (zumindest im Vergleich zu seinen Opern, Oratorien und Madrigalen) präsentiert, aber wenn wir uns heute zumindest etwas besser in der sakralen Musik Monteverdis jenseits seiner großen Oratorien auskennen, dann ist das gewiss auch das Verdienst dieses Albums. Mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit musizierte das nur wenige Monate vor den Aufnahmen gegründete Ensemble Parley of Instruments unter ihrem Gründer Peter Holman und dem Violinisten und Dirigenten Roy Goodman, mit schlankem, präzisen und warmen Klang. Die Sänger, Ian Partridge (Tenor), David Thomas (Bass) und – allen voran – die damals auf ihrem künstlerischen Zenit angekommene Emma Kirkby (Sopran), singen so natürlich, so unverkrampft, dass sie diese kleinen Meisterwerke des Frühbarocks wie selbstverständlich klingen lassen. Was heute noch ebenso fasziniert wie vor 30 Jahren, ist die Humanität (!), die Wärme, die (noch) verhaltene Pracht, die dieser Musik innewohnt. Fern scheint der strafende, richtende strenge Gott zu sein, in dieser Musik steckt nicht nur die Keimzelle aller prächtigen Barockmusik, die bald schon folgen sollte, in ihr steckt auch etwas zeitlos Modernes (!), etwas, das heute ebenso verständlich ist, wie vor 400 Jahren.
Die digitale Aufnahmen, immerhin auch schon nahezu 30 Jahre alt, klingen nach wie vor völlig natürlich und makellos. Auch nach 30 Jahren führt kein Weg an dieser CD vorbei: Ich wünscht’, alle Monteverdi-Aufnahmen der vergangenen Jahre wären so beseelt, so inspiriert eingespielt worden. Natürlich: Die besondere CD im Monat März 2010.
Das Album Sacred Vocal Music des Ensembles The Parley of Instruments unter der Leitung von Roy Goodman und Peter Holman mit Emma Kirkby, Ian Partridge und David Thomas als Solisten, ist am 19. März auf Helios (CDH55345), dem Budget-Label von Hyperion, wiederveröffentlicht worden und und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Su le penne de’ venti, SV333
- Confitebor tibi Domine, SV266
- Iste confessor Domini sacratus, SV279
- Laudate Dominum omnes gentes, SV197
- Confitebor tibi Domine, SV194
- Confitebor tibi Domine ‘Alla francese’, SV267
- Ab aeterno ordinata sum, SV262
- Nisi Dominus, SV200
- Deus tuorum militum, SV280
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