The Tallis Scholars, Peter Phillips: Tomás Luis de Victoria · Juan Guitérrez de Padilla – Lamentations of Jeremiah
Geschrieben von Sal Pichireddu in Neuerscheinungen, Rezension
In den Liner Notes zum vorliegenden Album “Lamentations of Jeremiah” mit Klagegesängen für die Karwoche von Tomás Luis de Victoria (ca. 1548-1611) und Juan Guitérrez de Padilla (ca. 1590-1664) der Tallis Scholars, eröffnet der Chorleiter Peter Phillips seine Anmerkungen mit folgender Aussage, die sowohl symptomatisch für sein Verständnis von Tomás Luis de Victoria, als auch für den Komponisten selbst ist:
»Das Spanische an sich findet oft seinen Ausdruck in der spanischen Polyphonie. Man sagt von den Spaniern, dass sie in ihrer Religionsausübung besonders leidenschaftlich und gleichzeitig mystisch sind, worin sie sich von anderen unterscheiden. Diese Denkweise geht eine ganze Zeit zurück: Als Michelangelo von dem florentinischen Maler Pontormo gefragt wurde, wie er seinen spanischen Patron am besten zufrieden stellen könne, antwortete er, dass Pontormo “viel Blut und Nägel” zeigen solle.
Eine solche Rohheit ist auch oft der spanischen Musik zugeschrieben worden. In meiner Erfahrung hat nur die Musik von Victoria eine derartige Intensität, und dort auch nur in seinem sechsstimmigen Requiem und den Werken für die Karwoche. Jedoch ist es letztendlich diese Intensität, die ihn so unverkennbar macht, und das nicht nur in dem größeren europäischen Kontext sondern auch im Vergleich zu seinen Landsleuten.«
Das Konzil von Trient (lat. Tridentinum) fand in vier Sitzungsperioden zwischen 1545 und 1563 statt. Es stellte die Antwort auf die sich ausbreitende Reformationsbewegung dar und hatte weitreichende Auswirkungen, nicht zuletzt auf die Kirchenmusik: Nach einer prinzipiellen Auseinandersetzung des Für und Wider einer modernisierten Kirchenmusik, einigte man sich letzten Endes auf restriktive Regeln: Sie sollte vor allem wieder der Liturgie dienen, sie also nicht über Gebühr ausschmücken (und überragen oder in den Vordergrund rücken), sondern lediglich ein Vehikel für das eigentliche Wort Gottes sein. Die Komponisten der Zeit, die gerade erst an Bedeutung gewonnen hatten (nicht zuletzt durch den interkulturellen Austausch dank des immer regeren Buchdruckes), wurden wieder in die Anonymität und Gleichförmigkeit zurückgedrängt. Sie standen vor der Schwierigkeit, dass sie im engen Korsett musikalischer Konventionen schreiben und auf freiere Formen verzichten mussten.
Wer also seiner Musik dennoch einen eigenen Charakter verleihen wollte, der musste sich kleinster, subtilster Mittel bedienen, um sich hervorzuheben. Dazu bedurfte es freilich besonderer Fähigkeiten. So ist es nicht verwunderlich, dass sich aus jener Epoche nur die wenigsten Komponisten bis heute etablieren konnten. Unter den Wenigen stechen zwei Komponisten der Zeit unmittelbar nach dem Konzil besonders hervor: Neben Giovanni Pierluigi da Palestrina (1514?-1594) war dies vor allem eben der spanischen Komponist Tomás Luis de Victoria, für dessen Leidenschaft und Mystizismus Peter Phillips die Erklärung oben fand. Tomás Luis de Victoria lebte und arbeitete lange Zeit in Rom (unter anderem auch als Nachfolger Palestrinas als Leiter des Kapelle des Collegium Germanicum et Hungaricum, des Jesuitenordens).
Die Tallis Scholars haben auf dem 50. Album in 30 Jahren für ihr eigenes Label Gimell (!) drei mal drei Vertonungen Tomás Luis’ der Klagelieder (jeweils für den Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersamstag) des Propheten Jeremia zusammengefasst. Ergänzt werden sie durch ein Werk des spanisch-mexikanischen Komponisten Juan Guitérrez de Padilla, ebenfalls mit Klageliedern des Jeremias. Kaum ein anderes Ensemble weltweit hat in Sachen post-tridentinische Musik mehr Erfahrung und Kompetenz und in der Tat: Das Ergebnis ist (wieder einmal) eine mustergültige Umsetzung dieser ungewöhnlich dichten und für den heutigen Hörer geradezu hypnotischen Musik. Wer wie ich (der Tradition wegen, nicht so sehr der Religion) gerne an diesen wichtigen Tagen des Christentums sakrale Musik hört, die speziell für diese Tage komponiert wurde, der kommt an diesem Album kaum vorbei.
Die CD Lamentations of Jeremiah mit Werken von Tomás Luis de Victoria und Juan Guitérrez de Padilla, eingespielt von The Tallis Scholars unter der Leitung von Peter Phillips ist am 19. März auf Gimell (CDGIM 043) erschienen und und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Lamentations for Maundy Thursday – (Tomás Luis de Victoria)
- Lamentations for Good Friday – (Tomás Luis de Victoria)
- Lamentations for Holy Saturday – (Tomás Luis de Victoria)
- Lamentations for Maundy Thursday – (Juan Guitérrez de Padilla)
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[...] von der Kritik hochgelobten Victoria-Einspielungen Requiem (1987), Tenebrae Responsories (1990) und Lamentations of Jeremiah (2010) in einer schlichten, aber gut ausgestatteten Box zum Sonderpreis wiederveröffentlicht. [...]