Nicht erst in jüngerer Zeit machen sich Musiker und Komponisten Gedanken über eine sinnvolle Reproduktion alter Musik. Schon in der Romantik und noch mehr in der Spätromantik haben sich Komponisten und Musikverleger darum bemüht, die ‘alten Meister’ Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel adäquat umzusetzen. Was für das Verständnis mancher Originalklang-Puristen heute wie ein unzulässiger Eingriff in die Komposition wirken mag, war damals, im Zeitalter vor der technischen Reproduzierbarkeit von Musik, der einzig sinnvolle Weg diese Musik auf damaligen Instrumenten überhaupt wiederzugeben. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Musizieren im Hause damals die geläufigste Art der Musik war: So wie man heute CDs kauft, kaufte man damals Noten. Ein weiterer Grund für Transkriptionen war die nimmersatte Zunft der Berufspianisten, die spätestens seit Franz Liszt durch die Europa reisten und stets auf der Suche nach unverbrauchtem Material waren, an dem sie ihre Künste beweisen konnten. Den Bearbeitern Ferruccio Busoni, Max Reger, Eugen d’Albert etc. ging es um das Erhalten der Musik, um das Aufschließen der barocken Meister für ein Publikum, das eine andere Klangwelt gewohnt war.

Bach Piano Transcriptions, Vol. 8 – Eugen d'AlbertDas britische Label Hyperion veröffentlicht seit einigen Jahren in loser Folge diese Bach-Transkriptionen der Spätromantik: Nach Alben mit den Bearbeitungen von Ferruccio Busoni (Vol. 1 & 2), Ignacy Friedman, Percy Granger und William Murdoch (Vol 3), Samuel Feinberg (Vol 4), Alexander Goedicke, Georgy Catoire und Alexander Siloti (Vol 5), Walter Rummel (Vol. 6) und Max Reger (Vol. 7) erscheint nun ein Album mit den Transkriptionen von Eugen d’Albert, eingespielt vom australischen Pianisten Piers Lane, der sich bereits für Vol. 3 der Reihe verantwortlich zeigte und dafür von Seiten der Musikpresse allgemein hochgelobt wurde.

Piers Lane

Piers Lane - Quelle: hyperion.co.uk

Eugen d’Albert (1864-1932) war, gelinde gesagt, ein exzentrischer Mensch: Nicht nur dass er sechs Mal verheiratet war (eine siebte Ehe wurde nur durch seinen Tod verhindert, der ihn ereilte, als er nach Riga reiste, um dort eine Eil-Scheidung von seiner sechsten Ehefrau durchführen zu lassen), er hatte auch eine kreative Vorstellung von seiner Nationalität: Er wuchs in Schottland als Sohn eines in Deutschland geborenen französisch-italienischen Vaters und einer englischen Mutter auf, siedelte aber 1884 nach ersten Erfolgen in England als Pianist und Komponist (unter anderem als Assistent von Arthur Sullivan) nach Deutschland über, nicht ohne seine nun frei gewählte patriotische Loyalität öffentlich in einer deutschen Zeitung kundzutun. So ließ er die Musikwelt wissen »Vor allem lehne ich den Titel “englischer Pianist” ab! Leider habe ich eine beachtliche Zeit in jenem Land der Nebel studiert, aber während dieser Zeit habe ich absolut nichts gelernt. Wäre ich dort noch länger geblieben, es wäre mein völliger Ruin gewesen. Erst seit ich jenes barbarische Land verließ, habe ich begonnen zu leben. Und ich lebe nun für die einzigartige, wahre, glorreiche deutsche Kunst.« Selbstredend hatte Eugen d’Albert damit alle Brücken zum Land seiner Jugend abgebrochen und die schwärmerische, aber naive Rede des 20-jährigen d’Albert mag dazu beigetragen haben, dass er in seinem Geburtsland fortan so gut es irgend ging ignoriert wurde. Vielleicht war es ja auch diese Deutschtümelei, die Adolf Hitler später bewog, d’Alberts einzig erfolgreiche Komposition, die Oper “Tiefland” (1903) zu einer seiner Lieblingsopern zu küren.

Vor seinem Opernerfolg (und lange vor seinem verzweifelten Versuch diesen Erfolg mit zahlreichen folgenden Opern zu wiederholen), war Eugen d’Albert vor allem ein gefeierter Pianist und nach seiner selbst gewählten ‘Germanisierung’ spielte er (natürlich) bevorzugt Beethoven und Bach. Bei Letzteren stand er jedoch schon bald vor dem Problem der umfangreichen Pedalstimmen, die Bach für mehrere seiner spektakuläreren Tasteninstrument-Stücke geschrieben hatte, die eben meistens primär Orgelwerke waren. Es lag nahe, diese Stücke entsprechend zu arrangieren, so dass sie auf dem Klavier bewältigt werden konnten und der Pianist d’Albert mit dem Bach, transkribiert vom Komponisten d’Albert glänzen konnte. Anders als Ferruccio Busoni wählte d’Albert nicht den Weg die Werke durch Ergänzungen klaviertauglich zu machen, im Gegenteil: d’Albert vereinfachte die Stücke, versuchte in seinen Transkriptionen den Grundcharakter, den vordergründigen Klangeindruck der Werke zu erhalten, in dem er sie entschlackte, ausdünnte. So klingen die Stücke, die auf der vorliegenden CD “Bach Piano Transcriptions Vol. 8″ zusammengefasst sind manchmal verblüffend leicht und transparent (vor allem, wenn man anschließend die Original-Fassung auf der Orgel gegenhört). Piers Lane spielt diese Transkriptionen mit genau jenem romantisierenden Klang, mit dem auch d’Albert selbst wohl den barocken Kompositionen zu Leibe gerückt war. So anachronistisch uns heute solche Bearbeitungen erscheinen mögen, so wichtig sind sie, wenn man verstehen will, wie Bach durch die Jahrhunderte stets neu entdeckt, neu erfunden wurde. Und eines schimmert durch Lanes flüssig-weiches, aber dennoch präzises Spiel bei aller Vereinfachung und bei aller Romantik immer wieder durch: Wenn d’Albert es tatsächlich wichtig war, die Essenz der Bachwerke am Klavier nachzuformen, ohne zu viel Eigenes hinzuzufügen, so kann man nur konstatieren, dass ihm das mit seinen Bearbeitungen gelungen ist. Es mag nicht viel d’Albert in diesen Bearbeitungen stecken, aber es steckt – trotz der Vereinfachungen – immer noch eine Menge Bach darin.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die CD Bach Piano Transcriptions 8 mit den Bearbeitungen von Eugen d’Albert, eingespielt von Piers Lane, wird am 19. März 2010 auf Hyperion (CDA 67709) erscheinen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Tipp: Auf der Produktseite auf hyperion-records.co.uk kann man in alle Stücke des Albums hineinhören und die Liner Notes (auch auf Deutsch) lesen.

Inhalt:

  1. Passacaglia in C minor, BWV582, arr. Eugen d’ Albert
  2. Fantasia and Fugue in C minor, BWV537, arr. Eugen d’ Albert
  3. Prelude and Fugue in G major, BWV541, arr. Eugen d’ Albert
  4. Toccata and Fugue in F major, BWV540, arr. Eugen d’ Albert
  5. Prelude and Fugue in A major, BWV536, arr. Eugen d’ Albert
  6. Prelude and Fugue in F minor, BWV53, arr. Eugen d’ Albert
  7. Toccata and Fugue in D minor ‘Dorian’, BWV538, arr. Eugen d’ Albert
  8. Prelude and Fugue in D major, BWV532, arr. Eugen d’ Albert

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