Navarra Quartet: Joseph Haydn – Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze
Geschrieben von Sal Pichireddu in Der besondere Tipp, Neuerscheinungen, Rezension
Am Karfreitag 1787 (es war der 6. April) wurde die ursprüngliche Orchesterfassung der “Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“, Hob. XX/1:A von Joseph Haydn (1732-1809) in der Grotto Santa Cueva bei Cádiz uraufgeführt. Es war eine Auftragsarbeit des Domherren von Cadíz gewesen, mit der dezidierten Forderung nach sieben langsamen, meditativen Sätze für jedes der sieben letzten Worte Jesu:
I. Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun
II. Fürwahr, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein
III. Frau, hier siehe Deinen Sohn!
IV. Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?
V: Ach, mich dürstet
VI. Es ist vollbracht
VII. Vater, in Deine Hände lege ich meinen Geist
Im Vorwort, das Haydn für die Druckausgabe beim Verlag Breitkopf verfasste, bemerkte er süffisant: »Die Aufgabe, sieben Adagios, wovon jedes gegen zehn Minuten dauern sollte, aufeinander folgen zu lassen, ohne den Zuhörer zu ermüden, war keine von den leichtesten«. Er meisterte die ungewöhnliche Aufgabenstellung: Noch im selben Jahr fertigte Haydn eine Fassung für »Clavicembalo Forte-Piano«, also einen Klavierauszug und eine Fassung für Streichquartett an, 1796 folgte dann noch eine Fassung als Oratorium. Seitdem gehört das Werk in der einen oder anderen Fassung zum festen Repertoire der Konzertsäle (und nicht zuletzt der Kirchen), besonders in der Fasten- und Passionszeit.
Die Fassung für Streichquartett, op. 51 gehört zum Repertoire vieler Ensembles, so auch des jungen Londoner Navarra Quartet. Die vier Musiker aus den Niederlanden und aus England debütieren nun auf CD mit den “sieben letzten Worten”, in den vergangenen Jahren hat sich das Nachwuchsensemble allerdings schon einen guten Namen gemacht und einige Preise gewinnen können, so den 1. Preis beim internationalen Kammermusikwettbewerbs “Vittorio Gui” in Florenz 2005, den 2. Preis beim 5. internationalen Kammermusikwettbewerb in Melbourne 2007 und den “Outstanding Young Artist Award” bei der Midem in Cannes 2008. Für diese Debüt-CD mit dem Standardwerk Haydns für Streichquartett (sicher eines seiner populärsten Werke für Streichquartett) haben sich die vier Musiker etwas Besonderes einfallen lassen: Sie haben den in England lebenden australischen Maler Jamie Boyd (Vater des Cellisten des Quartetts Nathaniel Boyd) beauftragt, für jeden der neun Sätze des Werkes ein Bild zu malen, wobei sich Boyd eher von der Musik, denn vom allzu suggestiven Titel inspirieren ließ. Es ging darum, den Klangeindruck in Farben zu fassen und nicht die sieben letzten Worte zu visualisieren. Die Bilder Boyds kann man nun im Booklet zur Musik studieren. Darüber hinaus enthält die enhanced CD die Bilder als JPGs in ordentlicher Auflösung und einen kleinen Dokufilm über die ungewöhnliche Zusammenarbeit der vier jungen Musiker und Jamie Boyd.
Musikalisch lösen die Navarras (wie sie sich selbst im Booklet nennen) die Aufgabe mit bemerkenswerter Bravur: Ihr weicher, warmer Klang passt gut zum religiös geprägten, doch gerade in der Fassung für Streichquartett auch dramaturgisch clever aufgebautem Werk. Man hat wirklich nicht den Eindruck, dass hier ein blutjunges Ensemble ein Repertoire-Werk einfach nur herunterspielt, im Gegenteil: Das Navarra Quartet beweist tiefes Verständnis für Haydn und überrascht mit nicht zu erwartender künstlerischer Reife. Hier wächst offenbar eine Generation von Kammermusikern heran, die unverkrampft aufspielt und gleichzeitig mit tiefer Einsicht in die Musik schon früh zu Ausdruck und Reife findet.
Fazit: Ein sehr gutes Debütalbum und ein spannendes Konzept, das versucht, Musik mit den visuellen Eindrücken der Malerei zu verknüpfen. In einer visuell geprägten Zeit erscheint mir das nicht der schlechteste Ansatz.
Aufgrund der künstlerischen Leistung und der liebevollen Aufmachung, erhält das Album Joseph Haydn – Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze, gespielt vom Navarra Quartet das Prädikat ‘die besondere CD‘ im Monat März 2010.
Die CD Joseph Haydn – Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze, gespielt vom Navarra Quartet ist am 19. März auf Altara (1040) erschienen und und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Linktipp: Der Cellist des Quartetts Nathaniel Boyd schrieb einen Blogbeitrag über die Aufnahmen auf den Seiten des Borletti-Buitoni-Trust-Blogs auf www.bbtrust.com/blog
Inhalt:
- Introduzione – Maestoso ed Adagio
- Sonata I – Largo
- Sonata II – Grave e Cantabile
- Sonata III – GraveSonata
- IV – Largo
- Sonata V – Adagio
- Sonata VI – Lento
- Sonata VII – Largo
- Il Terremoto – Presto e con tutta forza
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tolle Kritik die zum Kauf reizt! Ergänzender Hinweis und Empfehlung: die Idee der Kopplung mit malerischer Umsetzung ist nicht neu und lässt sich -auch zu Meditations- oder Lehrzwecken (z.B. in der Erwachsenenbildung)- wunderbar verbinden mit den Bildern und Texten unseres Buches “Mein Gott wird mich retten – Die sieben letzten Worte Jesu am Kreuz” Projekte Verlag Cornelius, Halle. Wenn Sie also eine altrnative künstlerische Umsetzung suchen sei dieses Buch empfohlen.
Ich bin mir sicher, dass gerade “Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze” zu allerlei Umsetzungen genutzt wurden/werden: Ihr Thema, aber auch ihre Bildhaftigkeit (!) laden ja förmlich dazu ein, mehr aus dem Thema zu machen.
Ihr Buch ist sicher ein gutes Beispiel, was man alles aus der zeitlosen Musik Haydns machen kann – und gleichzeitig verdeutlicht es, dass Haydn sich selbst bestimmter Bilder (im literarischen Sinne) bedient hat: Er hat die sieben Worte ja nicht erfunden, sondern der christlichen Tradition entnommen und auch da stehen sie als Bild für den (inneren) Kampf mit dem Glauben in Zeiten schwerster Not.
Das Album ist wirklich eine ungewöhnlich dichte Umsetzung des Stoffes.