Jean-Efflam Bavouzet: Jospeh Haydn – Piano Sonatas Vol. 1
Geschrieben von Sal Pichireddu in Neuerscheinungen, Rezension
Das Bild von Joseph Haydn (1732-1809), einer der drei Kronen der Wiener Klassik (gemeinsam mit Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven) hat im letzten Jahr, dem viel beschworenen Haydn-Jahr (zum 200. Todestag des österreichischen Komponisten), vielleicht einen entscheidenden Impuls zur Korrektur des »Papa Haydn«-Images erhalten. Zwar galt er auch in der Vergangenheit immer ruhmreich als Vater bestimmter Gattungen (‘Vater der Sinfonie’, ‘Vater des Streichquartetts’, ‘Vater der Klaviersonate’), gleichzeitig hing ihm aber immer das Vorurteil des angestaubten und etwas langweiligen Komponisten an, gerade im Vergleich zu Mozart und Beethoven. Das Jubiläumsjahr wurde genutzt, um zahlreiche Werke neu einzuspielen, anders zu bewerten, anders zu Gehör zu bringen. Der runderneuerte Haydn, ob historisch informiert oder auf modernen Instrumenten, klang spannender, aufregender, revolutionärer und unterhaltsamer, als man ihm das lange Zeit zugetraut hätte. Seine Sinfonien, seine Messen und Oratorien, seine Klavierwerke wurden zweifelsohne aufgewertet.
Es mag diese Aufwertung gewesen sein, die den französischen Pianisten Jean-Efflam Bavouzet dazu bewogen hat sich nach seiner viel beachteten Gesamtaufnahme der Klaviermusik Debussys nun sämtlichen Klaviersonaten Haydns zuzuwenden. Dies ist gewiss ein langfristiges Projekt für das britische Chandos-Label, das über einige Jahre angelegt ist und bestimmt rund zehn Volumen an Veröffentlichungen zu Tage fördern wird: Haydn schrieb schließlich zwischen 1760 und 1794 laut Hoboken-Verzeichnis 52 Klaviersonaten (andere Quellen zählen bis zu 62 Sonaten, von denen einige allerdings zweifelhafter Autorschaft, andere verschollen sind). Bavouzet hat sich gegen eine chronologische Einspielung entschieden (vielleicht um zu vermeiden, dass die einzelnen Volumina zu gleichförmig sind). Auf “Haydn Piano Sonatas Vol. 1″ sind die Sonaten Nos. 31 (Hob. XVI: 46), 39 (Hob. XVI: 24), 47 (Hob. XVI: 32) und 49 (Hob. XVI: 36) zu hören. Bavouzet stellt heraus, dass er bei der Auswahl der Sonaten für diesen ersten Teil persönliche Kriterien anlegte, was die Auswahl der Sonaten anbelangt. Er schreibt dazu in seinen Anmerkungen:
»Im Gegensatz zu Beethovens Sonaten hielt ich es bei Haydn nicht für die beste Lösung, seine Sonaten in der Reihenfolge ihrer Entstehungszeit darzubieten. Ich beschloss vielmehr, meinem Instinkt zu folgen und mit vier meiner Lieblingssonaten zu beginnen, die sämtliche musikalischen Qualitäten repräsentativ vorführen, welche uns an Haydns Musik so faszinieren: seine rhythmische Euphorie, seine überraschenden harmonischen Wendungen und seine Stimmungswechsel, die von den tiefsten Empfindungen bis zu absolut freudigen – oder auch ausgesprochen komischen – Anklängen reichen.«
Tatsächlich ist es ein farbenfrohes, abwechslungsreiches Album geworden, das Bavouzet hier zusammengestellt und eingespielt hat. Dazu trägt allerdings in nicht unerheblichem Maße auch Bavouzet flinkes, federleichtes Klavierspiel bei. Vielleicht sind es nicht nur Bavouzets Lieblingssonaten, die hier eingespielt wurden, möglicherweise sind diese Sonaten im gleichen Maße exemplarisch für Bavouzet selbst, der ebenso ebenso euphorisch spielen kann, der rhythmisch akzentuiert und voll überraschender Wendungen und virtuosen Einfällen diese Sonaten zum Leben erweckt. In diesem Lichte betrachtet, wird auch nachvollziehbar, wieso ein Debussy-Spezialist sich nun den Haydn-Sonaten mit derselben Kompetenz widmen kann. Wenn man heute Haydn auf einem modernen Flügel spielt (wir dürfen ja nicht vergessen, dass Haydn seine frühen Sonaten für das Cembalo, die späteren dann für das Fortepiano schrieb, deren Klang deutlich vom heutigen Konzertflügel abweicht), dann muss man es mit der flinken Leichtigkeit Bavouzets tun. Er vermeidet, der Musik zusätzliche Schwere durch zusätzliche Resonanz geben zu wollen und erhält, selbst in den langsamen Sätzen, ein gewisses Maß an Flüchtigkeit bei. Die Spätromantik ihr ihre eindringliche Emphase, die so oft bei Aufnahmen mit modernen Konzertflügeln mitschwingt, fehlt hier glücklicherweise völlig. Dies ist ein wirklich vielversprechender Anfang einer Gesamteinspielung.
Das Album Haydn – Piano Sonatas Vol. 1, gespielt von Jean-Efflam Bavouzet, ist am am 19. März bei Chandos (10586) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Sonate No. 39 (Hob. XVI: 24) in D-Dur
- Sonate No. 47 (Hob. XVI: 32) in h-Moll
- Sonate No. 31 (Hob. XVI: 46) in As-Dur
- Sonate No. 49 (Hob. XVI: 36) in cis-Moll
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