In wenigen Tagen, am 19. März um genau zu sein, erscheint beim britischen Label Hyperion Records das zweite Solo-Album “Passion & Division” der Gambistin Susanne Heinrich mit Werken des englischen Gambisten, Söldners (!) und Komponisten Tobias Hume. (Eine Besprechung (Prädikat: Die besondere CD) zu diesem Album findet man in diesem Blog → hier). Susanne Heinrich, die ursprünglich aus Weilheim in Oberbayern (unweit des Starnberger Sees) stammt, lebt seit 1993 in England und wohnt in Oxford und beantwortete mir freundlicherweise in einem eMail-Interview sehr spontan meine meine Fragen:
Ihr zweites Solo-Album mit Werken des englischen Komponisten Tobias Hume ist gerade erschienen. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Ich hoffe, dass die, die sich die Aufnahme anhören, genauso zufrieden sein werden, wie ich. Es war, genauso wie bei der ersten Aufnahme mit Musik von Carl Friedrich Abel, eine aufregende Reise, in diese eher unbekannte Musik abzutauchen und sich mal richtig darauf zu konzentrieren. Von beiden Komponisten werden allgemein oft nur einige ausgesuchte ‘Pralinen’ gespielt, und es war sehr interessant, sich mit den etwas unbekannteren Werken zu beschäftigen, die zu Unrecht übersehen werden.
Ihr Solo-Debüt auf CD (mit Werken von Carl Friedrich Abel, Hyperion 2007, Anm. d. Red.) hat eine Reihe wichtiger CD-Preise verliehen bekommen, darunter den Gramophone Editor’s Choice Award und den Diapason d’or. Wie wichtig ist Ihnen die Anerkennung durch solche Preise? Wie wichtig sind Ihnen CD-Aufnahmen überhaupt?
Natürlich ist es schön, wenn die eigene harte Arbeit anerkannt wird, dazu gehört nicht nur eine ausgesuchte Aufnahme, sondern man nimmt an, dass es auch irgendwie eine Auszeichnung für das ist, worum man sich schon vorher sehr bemüht hat. Als Gambist fühlt man sich in einer Welt wie einer Gramophone-Award Zeremonie leicht als Außenseiter, gegenüber anderen, die von ihrem Manager offensichtlich trainiert wurden, was sie ins Mikrofon sagen, welches Kleid zu tragen ist, und wie viel man vorher abnehmen sollte… man fühlt sich zwar in dieser Situation auch etwas fern der eigentlichen Musik, aber man muss natürlich auch anerkennen, dass diese Auszeichnungen und Magazine nicht nur hauptsächlich für den breitangelegteren Klassik-Markt existieren, sondern dass sie auch viel für die Musik erreicht haben, und uns Musikern helfen, das ‘Produkt’ an den Mann zu bringen. Obwohl wir Alte-Musiker oft diese Welt abschätzig beäugen, ist sie doch wichtiger für uns, als wir denken.
Warum sind solche Awards denn wichtig für die Alte Musik?
Wir müssen bedenken, dass Alte Musik nur ein Bruchteil des klassischen Musikmarkts ist. Wenn ein Alte-Musik-Produkt es dann schafft, von einem Magazin wertgeschätzt zu werden, das sich so intensiv auf das Hauptrepertoire der klassischen Musik konzentriert, hat das einen enormen Wert, da die regelmäßigen Leser solcher Magazine dann auf etwas aufmerksam gemacht werden, was sie sich sonst nicht unbedingt anhören würden. Ich denke aber oft an einen Satz in einem Buch von Urs Frauchiger, der in den 80er Jahren über klassische Musik schrieb: »Wenn 100 Leute gerne James Last hören, und einer gerne Mozart, warum müssen dann im Radio 100 Stunden James Last und nur eine Stunde Mozart gesendet werden, wo doch die 100 James-Last-Fans alle gleichzeitig zuhören könnten?«
Aufnahmen sind mir schon wichtig. Als Musiker produziert man meist ‘heiße Luft’, die gleich wieder verschwunden ist. Es ist nicht ungewöhnlich, dass manche Musiker ganz aufgeben, und ein Café auf dem Land aufmachen, für das sie Kuchen backen. Ein Kuchen ist etwas, was man anfassen kann, und eine CD irgendwie auch. Natürlich ist eine Aufnahme nur ein begrenzter Blick durchs Schlüsselloch, ein gefangener Moment, den man vielleicht in genau derselben Art nicht mehr produzieren könnte (und manchmal möchte), und doch wird es immer wieder gehört und im Radio gespielt. Das ist manchmal etwas beängstigend, aber man kann ja nur so gut spielen, wie man zu dem Zeitpunkt, wo man die Aufnahme macht, kann. Spätere Einsichten kann man dann nicht mehr hinzufügen. Wenn man eine CD nicht nur als Visitenkarte für den Musiker ansieht, sondern als ein Geschenk an die Musikinteressierten in der Welt, die sonst nicht zum Konzert kommen können, dann ist es eine feine Sache. Musik im eigenen Haus zu haben, sie für sich selbst zu spielen, am Sofa dazu einschlafen, das ist auch alles sehr wichtig.
Sie leben seit 1993 in Großbritannien. Findet Ihre Musik dort mehr Beachtung, als sie im deutschsprachigen Raum fände? Wird auf der Insel die Alte Musik ernster genommen, als bei uns?
Ich kann nicht sagen, wie es mir ergangen wäre, wenn ich in Deutschland geblieben wäre. Ich hatte enormes Glück, dass ich innerhalb kürzester Zeit zwei Ensembles beigetreten bin, die es mir erspart haben, Cello zu lernen (um zu überleben), oder zu viel zu unterrichten. Rein geografisch ist natürlich England ganz anders aufgebaut, als Deutschland: Die meisten Musiker leben in London, als Zentrale, und dadurch ist ein intensiverer Austausch zwischen Musikern möglich, als in anderen Ländern, wo es sich über mehrere Städte verteilt. Was Alte Musik anbetrifft, kann man es mit Köln in den 80ern vergleichen (ich weiß nicht, ob das immer noch das Zentrum ist). Ich glaube nicht, dass Alte Musik hier ernster genommen wird. Das Wort ‘ernst’ macht mir ein bisschen Angst, ehrlich gesagt. Da denke ich gleich an Bach, den man in Deutschland sehr langsam spielt, weil es alles so sehr ernst ist. Vielleicht ist das Publikum hier Alter Musik gegenüber etwas aufgeschlossener. Das kann entweder damit zu tun haben, dass die Alte Musik Bewegung im 20. Jahrhundert hier sehr aktiv und fast explosiv war, aber vielleicht auch damit, dass England keine Besitzansprüche an ‘richtige’ klassische Komponisten hat wie Beethoven, Mozart, Schubert oder Brahms.
Kurze Zwischenfrage: Ist dies wirklich das Schicksal vieler Gambisten bzw. generell der Alten-Musik-Musiker, dass sie moderne Instrumente lernen müssen, damit sie von der Musik leben können?
Da ich eine der wenigen Gambisten bin, die als Kind nicht Cello gelernt haben, wäre das auch höchst schwierig gewesen (ich werde es mir enthalten, hier von meinem kläglichen Versuch am Cello zu berichten). In den letzten Jahren habe ich beobachtet, wie die englischen Gambisten, die nicht bereit sind, zum Cello zurückzugehen (falls möglich), und nicht mit einem Anwalt verheiratet sind, sich ‘normalen’ Tätigkeiten wie Schulmusiker oder Computerexperte widmen und nur noch nebenbei Konzerte spielen. Dies kann vielleicht mit dem wirtschaftlichen Umfeld in England zusammenhängen, oder aber auch eine globale Sache sein. Ich glaube nicht, dass allgemein weniger Interesse an Alter Musik besteht, vielmehr haben sich die Lebenskosten in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt, aber nicht unbedingt die Gagen.
Für ihre zweite CD haben Sie Werke des hierzulande kaum bekannten Komponisten Tobias Hume ausgewählt. In meiner Besprechung heißt es, dass die Musik Humes eine »Herzensangelegenheit« für Sie sei, dass man dies ihren Liner Notes und ihrem Spiel anhören kann. Hier ist die Chance dem Rezensenten zu widersprechen: Ist Hume wirklich ein wichtiger Komponist für sie?
Hume ist für uns Gambisten wichtiger, als wir denken. Er wird oft als Komponist von leichten Stücken für Amateure angesehen, da er einer Tradition angehört, die eine enorme Menge an Musik für diesen Markt produziert hat. Hume war aber (in meinen Augen) der erste Gambist, der mehr aus der Gambe rausholen wollte, der wusste, dass die Gambe es im 17. (und 18.) Jahrhundert noch zu etwas bringen wird, und dass es ein Instrument ist, das professionell gut gespielt werden kann (obwohl er selbst hauptsächlich Soldat war). Seine Musik bringt uns an die Wurzel unseres Instrumentes. Genauso wie Abel und Marais, die auch selbst gute Gambisten waren, hat Hume erkannt, wie das Instrument funktioniert und wie man es im besten Licht darstellen kann. Das ist sehr wichtig für jeden Musiker, und (geradezu) selbstverständlich bei Pianisten.
Themawechsel: Sie sind seit 2009 Vorsitzende der Viola da Gamba Society in Großbritannien. Was für Aufgaben hat man denn als Vorsitzende einer solchen Vereinigung? Ist dies eine eingeschworene Gemeinschaft von Connaisseurs, die sich untereinander über technische Details austauschen oder versucht man durch solch eine Gesellschaft auch “sein” Instrument bekannter zu machen, in dem man z. B. Konzerte und Festival (mit-) organisiert.
Ich bin mir nicht so sicher, dass ‘Vorsitzende’ das richtige Wort ist. Unsere Präsidentin ist Alison Crum, und ich persönlich würde sie als Vorsitzende bezeichnen. Ich mache den Papierkram und kümmere mich darum, dass die Mitglieder alle unter einen Hut kommen. Ich war jahrelang Mitglied, aber habe mich nie dafür interessiert, da ich stillheimlich dachte, es ist ein Verein von genausolchen ‘Connaisseurs’, die jeden Fliegendreck auf jedem Manuskript kennen. Aber ich dachte schon damals, dass es wichtig ist, wenigstens mit einem Mitgliedsbeitrag solche Organisationen zu unterstützen.
Inzwischen ist mir klar geworden, dass die Viola-da-Gamba-Gesellschaften (in aller Welt) sehr viel für unser Instrument tun, es bekannter zu machen, die Basisarbeit leisten, Kurse für Anfänger organisieren, Instrumentenverleih möglich machen, neue Interessenten begeistern und Studenten finanziell helfen. Ein Austausch zwischen Mitgliedern einer Gambengesellschaft ist besonders wichtig. Das Instrument fördert das soziale Beisammensein, da es viel Consortmusik gibt, die für Spieler jeden Niveaus machbar ist. Gambisten treffen sich oft regelmäßig zu Consortabenden mit zwanglosem Umtrunk. Meist finden auch ältere Herrschaften, die vorher anderweitig musikalisch tätig waren, aus verschiedensten Gründen zur Gambe, etwa der angenehme Klang und die Tatsache, dass man relativ schnell einen schönen Ton herausbringt. Oft sind es auch physikalische Gründe wie Schulterverletzungen, die das Cello- oder Geigenspielen nicht mehr erlauben. Und eben auch das soziale Umfeld, wie die Kurse und die privaten Treffen.
Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus? Stehen unmittelbare Tourneen oder CD-Projekte an?
Ich übe gerade für die nächste CD, aber es ist ein Geheimnis. Ich hoffe, dass Hume beliebt ist und ich noch eine Solo-CD aufnehmen darf. Tourneen sind wegen der Kinder eine Weile auf Eis gelegt, aber ich mache viele schöne Konzerte und Aufnahmen, die mir viel Spaß machen.
Eine letzte Frage: Wenn Sie eine Zeitmaschine zur Verfügung hätten und in die Vergangenheit reisen dürften – natürlich nur aus beruflichen Gründen – welche Epoche würden Sie besuchen und welche Frage würden Sie zu klären versuchen?
Das Paris der 1720er Jahre. Ich würde Marais besuchen und mir seinen Garten anschauen – er war ein begeisterter Gärtner. Ich würde ihn fragen, warum alte englische Gamben in Frankreich so beliebt sind, und wie viele gekauft und umgebaut wurden. Wie eine neue Gambe von Collichon oder Bertrand geklungen hat. Ich möchte wissen, ob Darmsaiten damals besser waren, besser klangen, länger hielten, wie arm oder reich Musiker wie Marais (und andere) waren, in welchen Verhältnissen sie gelebt haben (im Vergleich zu heute), was sie vom König denken. Ich möchte auch rausfinden, wie viel Lautstärke- und Klangunterschiede es gab zwischen:
a. Marais, der Gambe spielt
b. Forqueray, der Gambe spielt
c. Mme Levi, die Pardessus spielt
d. einer französische Geige mit einem französischen Geiger daran und
e. einer italienische Geige (gerade zu jener Zeit in Paris sehr populär) mit einem italienischen Geiger daran
Die Gründe dafür sind historisch und aktuell: Es wird berichtet, dass Marais wie ein Engel und Forqueray wie ein Teufel spielte. Es wird auch berichtet, dass Marais’ Spiel dem Ticken einer Uhr ähnelte, und ‘asthmatisch’ klang, was ich mir immer gar nicht so vorstellen kann. Mme Levi war eine der ersten Frauen, die öffentlich gespielt haben, und war angeblich eine Virtuosin auf der Pardessus/Quinton. Italienische Geiger haben um die Zeit Paris begeistert, es wurde berichtet, sie könnten so lange Töne spielen, dass es sei, als ob sie Gold spinnen würden und die Edelsteine nur so herunterfielen. Waren französische Geiger nicht so? Hat sich eine echte französische Geige besser mit einer Gambe gemischt (in der Kammermusik), als eine italienische? (Heutzutage haben fast alle Geiger italienische Geigen.) Und ich möchte ein Orchester hören und sehen. Ob es stimmt, dass sie nicht zusammenspielen konnten, und ob wir heutzutage bilderkritisch sind und zu hohe Erwartungen haben wegen unserer langen Orchestertradition und -disziplin. Und ich möchte in eine echte französische Barockoper. Sitzen, quatschen und Wein trinken. Und dann möchte ich wieder heimfahren und nachdenken, ob wir es so machen wollen, wie damals, um authentisch zu sein, oder ob wir es so weitermachen sollen wie bisher, weil wir einfach andere, modernere Leute sind.
Vielen Dank für das Interview und ihre ausführlichen Antworten. blog.codaex.de wünscht viel Erfolg für die neue CD.
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