Carolyn Sampson & Matthew Wadsworth: Not just Dowland – Songs for soprano and lute
Geschrieben von Sal Pichireddu in CD des Monats, Neuerscheinungen, RezensionIch gebe zu, ich habe eine Schwäche für Renaissance-Musik: Die poetischen Texte und die schlicht arrangierten Melodien sind auch heute noch aktuell. Erstaunlich, wie sehr uns diese alte Musik heute noch ansprechen kann, mehr noch: Die Lieder der Renaissance scheinen uns näher zu sein, als vieles, was dazwischen kam und was uns chronologisch näher liegt. Sogar die sogenannte U-Musik greift immer wieder auf sie zurück, man denke nur an das Album des Pop- und Rocksängers Sting mit Liedern von John Dowland (“Songs from the Labyrinth”, Deutsche Grammophon, 2006) oder an die zahlreichen Adaptionen, die italienische und französische Chansonniers in den 1960er und 1970er Jahre immer wieder zu Gehör brachten. Nun haben der weibliche Gesangsstar der Alte-Musik-Szene, die englische Sopranistin Carolyn Sampson und der Lautist Matthew Wadsworth einen Konzertmitschnitt vom 7. Dezember 2008 aus der Wigmore Hall in London unter dem Titel “Not just Dowland – Songs for soprano and lute” veröffentlicht, auf dem Lieder (und Solo-Stücke für Laute und Theorbe) der englischen und italienischen Renaissance zu hören sind, wie der Titel schon sagt, beileibe nicht nur von John Dowland.
Es muss ein ganz besonderes Konzert gewesen sein, das damals an einem kalten Winterabend in London stattgefunden hat. Die beiden Künstler saßen nicht nebeneinander oder versetzt zueinander, sondern sich gegenüber, sie blickten sich während der gemeinsamen Nummern an. Es mag diese (inszenierte, aber doch wirksame) Fokussierung sein, dieses »ich singe für Dich«, dieses »ich spiele für Dich«, das den besonderen Reiz, die besondere Intimität dieser CD ausmacht. Carolyn Sampson und Matthew Wadsworth gelingt es von der ersten gemeinsamen Nummer an, eine besonders persönliche Atmosphäre in ihrer Darbietung zu schaffen, die so wichtig ist, um diese Art von Musik authentisch wirken zu lassen. Die Sopranistin Sampson macht nicht den Fehler, ihre durch zahlreiche Opern-, Oratorien-, Arien- und Kantaten-Auftritte und -Aufnahmen geschulte Stimme so klingen zu lassen, wie es bei Barock-Werken (oder noch späteren Epochen) notwendig wäre. Stattdessen singt sie mit natürlicher Stimme, präzise zwar, aber insgesamt gelöster und mit unglaublicher Leichtigkeit sowie einer Sinnlichkeit, die sie ohnehin als Sängerin einzigartig macht. Dabei hört man die genauen Unterschiede in der Art, wie sie einerseits die italienischen, andererseits die englischen Werke interpretiert: Die italienischsprachigen Lieder von Claudio Monteverdi, Alessandro Grandi, Giulio Caccini und Tarquinio Merula (in exzellent intoniertem und gut verständlichen Italienisch) singt die Sampson etwas kunstvoller und verzierter, ganz den Kompositionen entsprechend; die englischen Songs von Robert Johnson (eine echte Entdeckung!) und natürlich von John Dowland bleiben schlichter. Die Texte erzählen nicht nur von der Liebe, hier wird die Liebe auf der Bühne zelebriert, so dass die Illusion gelingt und man glauben möchte, dass es sich tatsächlich um ein Liebespaar handelt, dem man hier lauschen darf. Während der Darbietung hört man kein Rascheln, kein Husten und nach jeder Nummer schweigt das Publikum eine Sekunde lang, so bezaubert, so ergriffen ist es von dem, was es gerade gehört habt.
Die Aufnahmetechnik ist beim Album bewusst simpel gehalten und man hat (natürlich) auf jegliche Nachbearbeitungen verzichtet, so hört man ein-, zweimal das Schnarren einer nicht ganz sauber gezupften Saite. Dies ist keine sterile Studioaufnahme, sondern ein authentischer Mitschnitt. Bei den Duett-Nummern, sie werden immer wieder von Solo-Darbietung an der Laute und Theorbe unterbrochen (zum Luft holen, sozusagen), hört man die Stimme rechts und die Laute links, ganz so, wie man sie an jenem Abend gehört hätte, hätte man unmittelbar vor ihnen gesessen, als sich die beiden vis-à-vis gegenüber saßen und miteinander musizierten.
Der britische Kritiker Norman Lebrecht resümiert in seiner Besprechung zur CD der Woche für das britische Magazin La Scena Musicale »Ein Live-Höhepunkt, fast so als sei man selbst dabei gewesen«: Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
Not just Dowland – Songs for soprano and lute von Carolyn Sampson (Sopran) & Matthew Wadsworth (Laute, Theorbe) ist das betörend schönes Tondokument eines besonderen Konzerts und somit die CD des Monats März 2010 auf blog.codaex.de
Die CD Not just Dowland – Songs for soprano and lute von Carolyn Sampson & Matthew Wadsworth erscheint am 19. März 2010 auf Wigmore Hall Live (0034) und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Phillip Rosseter: Prelude solo lute
- Robert Johnson: Away delights
- Robert Johnson: Oh, let us howl
- Robert Johnson: Care-charming sleep
- Alfonso Ferrabosco: Pavan IV solo lute
- Anon.: Galliarda solo lute
- John Dowland: Fortune my foe
- Robert Johnson: Pavan in C minor solo lute
- John Dowland: Can she excuse my wrongs
- John Dowland: In darkness let me dwell
- Claudio Monteverdi: Quel Sguardo Sdegnosetto
- Alessandro Grandi: O quam tu pulchra es
- Alessandro Piccinini: Toccata XIII solo theorbo
- Alessandro Piccinini: Partite Variate Sopra La Folia solo theorbo
- Giulio Caccini: Amarilli mia bella (published 1602) My fair Amaryllis
- Giovanni Kapsberger: Toccata arpeggiata solo theorbo
- Giovanni Kapsberger: ‘Kapsberger’ solo theorbo
- Tarquinio Merula: Canzonetta spirituale sopra alla nonna
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- Robert Johnson: Have you seen the bright lily grow?
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[...] Es bedarf schon eines so unglaublich vielseitigen Chor-Ensembles wie Polyphony – spätestens seit ihrer phänomenalen Messiah-Aufnahme (2009) sollte jedem Musikfreund dieser Name als Synonym für höchste Präzision und schlüssigste Interpretationen sein – um so eigentümlich eklektizistische Werke zu einem faszinierenden Klangerlebnis auszugestalten. Sie werden beim Titelstück unterstützt von der nicht minder überragenden Britten Sinfonia und der wundervollen Carolyn Sampson als Sopran-Solistin (bekannt durch ihre überragenden Alte-Musik-Interpretationen, zuletzt hier als fragile Dowland-Interpretin). [...]