Wer war Luigi Gatti ? Nicht einmal die Wikipedia weiß recht viel über diesen italienischen Komponisten (und katholische Priester) aus Lazise am Gardasee zu berichten, außer seinen Lebensdaten (*1740 in Lazise; † 1817 in Salzburg)  und dass er große Teile seiner aktiven Karriere als Musiker (genauer gesagt von 1783 an)  als Hofkapellmeister des Fürsterzbischofs in Salzburg tätig war. Vor allem seine brillierende Kammermusik war zu seinen Lebzeiten durchaus populär, geriet aber nach seinem Tode bald in Vergessenheit. Schaut man heute in den Bielefelder Katalog, so wird man auf eine nicht gerade umfangreiche Diskografie seiner Werke stoßen. Der Grund mag ein trivialer sein: In der Musikbibliothek von Ostiglia sind zwar 150 Werke von Luigi Gatti aufgelistet, darunter auch eine große Anzahl an Orchester- und Kammermusikwerken als Originalhandschriften, doch diese sind mit zahlreichen Tintenklecksen, schwer zu entziffernden Stellen und Korrekturen versehen. Es bedarf also einer akribischen Fleißarbeit, die Handschriften in spielbare Partituren zu übertragen.

Luigi Gatti -Chamber MusicDas Kölner Calamus-Ensemble hat sich dieser Arbeit gestellt und lässt uns auf dem bei MDG erscheinenden Album “Chamber Music” zwei seiner seinerzeit populärsten Kompositionen wiederentdecken, das “Sestetto” für Englischhorn, Fagott, Violine, Viola, Cello und Kontrabass in Es-Dur, eine Art kleine konzertante Sinfonie, ganz im Stile Haydns und die “Serenata a piu stromenti di Concerto” für Oboe, Fagott, zwei Hörner und Streichquintett in D-Dur. Der Aufwand hat sich gelohnt: Das Album präsentiert Gatti als vergessenen kleinen Meister der Wiener Klassik, der bezaubernde Melodien und virtuose Passagen geschickt miteinander kombinieren konnte.

Den Serenaden und den Kammerwerken für gemischte Ensembles der Wiener Klassik haftet ja das Vorurteil an, sie seien lediglich Gebrauchsmusik gewesen, die nur der Unterhaltung (am Hofe) diente, ganz ohne größeren künstlerischen Anspruch. Solch eine Wertung ist natürlich alles andere als sinnvoll oder angebracht: In der sogenannten ‘Gebrauchsmusik’ der Klassik steckte ebenso viel Sorgfalt, wie in den anderen Werken der Komponisten. Und was wäre schlimm daran, wenn uns Musik unterhielte? Wertungen, die implizieren wollen, dass es sich bei einem Genre um ‘inspirierte’ Werke handelt, bei den anderen um rein mechanisch komponierte Musik, gehen von äußerst romantischen Vorstellungen vom Wert verschiedener Gattungen aus. Selbstverständlich steckt in diesen Kammermusikwerken ebenso viel Inspiration und Arbeit, wie in einer Messe Gattis. Wenn man den Serenaden des ausgehenden 18. Jahrhunderts mangelnden künstlerischen Inhalt bescheinigt (man denke nur an die Vorurteile bezüglich der Serenaden Mozarts), dann mag das vor allem an der Art und Weise liegen, wie solche Musik jahrzehntelang lieblos gespielt wurde. Ganz anders das Calamus Ensemble bei diesen auch klanglich überzeugenden Aufnahmen (wie immer bürgt das Label MDG für höchsten audiophilen Genuss):  Die Kölner spielen ihre Entdeckung Gatti sorgfältig und klangschön, virtuos, aber nicht zu verspielt, nicht mit zusätzlicher Süße, präzise, akzentuiert und mit dem nötigen Ernst und der nötigen Leichtigkeit. Das Ergebnis ist eine CD, die mich tatsächlich eine gute Stunde lang bestens unterhalten hat, die mich aufhorchen und zuhören ließ: Dies ist unverbrauchte Kammermusik der Wiener Klassik, von einem Spitzenensemble eingespielt. Ich weiß nun ein wenig mehr über Luigi Gatti und kann immerhin sagen: Luigi Gatti ist ein Komponist, der es wert ist entdeckt zu werden, nicht zuletzt dank dieses Albums.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die CD Luigi Gatti – Chamber Music, eingespielt vom Calamus Ensemble, ist am 19. Februar 2010 auf MDG (603 1589) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Serenata a piu stromenti di Concerto – für Oboe, Fagott, zwei Hörner und Streichquintett in D-Dur
  2. Sestetto – für Englischhorn, Fagott, Violine, Viola, Cello und Kontrabass in Es-Dur

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