BBC Philharmonic, Rumon Gamba – The Film Music of Bernard Herrmann – »Hangover Square« & »Citizen Kane«
Geschrieben von Sal Pichireddu in Neuerscheinungen, Rezension»Bernard Herrmann (1911-1975) war ein US-amerikanischer Dirigent und Komponist, der durch seine Filmkompositionen bekannt wurde.« So lapidar beginnt der Wikipedia-Artikel über einen der wichtigsten und einflussreichsten Filmmusik-Komponisten des 20. Jahrhunderts, dessen Stil auch heute noch auf die Komponisten von Filmmusik nachwirkt und dessen Kompositionen für zahlreiche Orson-Welles- und Alfred-Hitchcock-Filme, allen voran “Psycho” (1960), zu den bekanntesten Werken der Filmmusik-Literatur überhaupt gehören. Herrmann war freilich mehr als ein gewöhnlicher Filmmusik-Komponist: Er war jahrelang als Dirigent erfolgreich und hatte bereits vor seinen Aktivitäten in Hollywood für das Radio gearbeitet. Gleichzeitig komponierte Herrmann auch ‘normale’ Werke, darunter eine Kantate (“Moby Dick”, 1937), eine Sinfonie (1941), eine Oper (“Wuthering Heights”, 1951) und ein Streichquartett (“Echoes”, 1965), letzteres wurde sogar mehrfach aufgenommen und auf CD veröffentlicht, zuletzt vom Fine Arts Quartet (Naxos , 2008).
Auf der vorliegenden CD des BBC Philharmonic Orchesters unter der Leitung von Rumon Gamba sind zwei seiner frühen Filmmusik-Arbeiten zu hören, “Hangover Square” (1945, Regie: John Brahm – ein hierzulande nicht allzu bekannter Film Noir, der unter dem Titel “Scotland Yards seltsamster Fall” in die Kinos kam) und “Citizen Kane” (1941, Regie: Orson Welles), dem vermutlich besten Film aller Zeiten.
Wenn man Filmmusik aufnehmen möchte, hat man ein Problem: Es gibt oft kurze Sequenzen, die im Film gezielt eingesetzt werden, doch auf CD (oder im Konzertsaal) wirken diese Kleinst-Miniaturen nicht. Oft genug sind sie aus einer längeren Passagen herausgenommen worden, gekürzt, verstümmelt, passend gemacht worden. Darum ist es besser, die kurzen Sequenzen sinnvoll zusammenzusetzen und daraus Satz-ähnliche Teile entstehen zu lassen. Heute gehen die Komponisten von Filmmusik selbstbewusster um und editieren ihre Werke zu diesem Zweck selbst. Für die hier eingespielten Soundtracks von “Hangover Square” und “Citizen Kane” hat der Komponist, Organist und Dirigent Stephen Hogger diese Aufgabe hervorragend gelöst; er hatte schon bei “The Film Music of Ralph Vaughn Williams” (Chandos, 2009) sein Talent im Umgang mit dem Arrangieren von Filmmusik bewiesen. Es ist diese editorische Glanzleistung, die aus den Partituren erst nachvollziehbare Musik macht, die auch ohne den Film ihre Wirkung nicht verfehlt. Das BBC Philharmonic unter Rumon Gamba spielt dazu sicher und kraftvoll und belegt einmal mehr, dass es gerade bei Werken des 20. Jahrhunderts zu den führenden Orchestern Großbritanniens zu gelten hat.
Eine Kuriosum im Drehbuch von “Hangover Square” sorgt für die Überraschung des Albums: Im großen Finale des Films führt der Protagonist, der Klaviervirtuose und Mörder (!) ist, ein Klavierkonzert auf, das ihn an seine verdrängten Taten erinnert. Es kommt zum Geständnis, zur Flucht vor der Polizei, schließlich zu einem im Wahn gelegten Brand in der Konzerthalle, in der er die letzten Klänge seines Konzerts alleine spielt, während ringsum alles in Flammen aufgeht. Anfang der 1940er Jahre war es nach dem Erfolg des “Warschauer Konzerts” von Richard Addinsell (aus dem Film “Dangerous Moonlight”, 1941) in Mode gekommen, kurze Klavierkonzerte für den Film zu schreiben. Das “Concerto macabre” (hier eingespielt mit dem Solisten Martin Roscoe) setzt sich aus Themen und Fragmenten der Filmmusik zu “Hangover Square” zusammen. Die letzten 28 Takte spielt der Pianist alleine, im Film sind ja alle (auch die Orchestermusiker) aus der brennenden Halle geflohen. So schuf Herrmann eher zufällig und aus Sachzwängen das möglicherweise einzige Klavierkonzert, das nur mit dem Pianisten endet.
Das Album ist ein überzeugendes Plädoyer dafür, sich intensiver mit der Filmmusik auseinander zu setzen. Bei einigen Komponisten, die auch oder eher nebenher für den Film komponiert haben, ist dies in den letzten Jahren verstärkt geschehen (etwa bei Dmitri Shostakovich oder Erich Korngold), bei anderen Komponisten, die hauptsächlich für dieses Medium geschrieben haben, bleibt noch Nachholbedarf. “The Film Music of Bernard Herrmann” ist eine gelungene Aufarbeitung dieser relativ neuen Form der (klassischen) Musik.
Das Album des The Film Music of Bernard Herrmann, gespielt vom BBC Philharmonic unter der Leitung von Rumon Gamba ist am 19. Februar 2010 Chandos (10577) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de bestellt werden.
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