Archiv für März 2010

Tomas Luis de Victoria - LamentationsIn den Liner Notes zum vorliegenden Album “Lamentations of Jeremiah” mit Klagegesängen für die Karwoche von Tomás Luis de Victoria (ca. 1548-1611) und Juan Guitérrez de Padilla (ca. 1590-1664) der Tallis Scholars, eröffnet der Chorleiter Peter Phillips seine Anmerkungen mit folgender Aussage, die sowohl symptomatisch für sein Verständnis von Tomás Luis de Victoria, als auch für den Komponisten selbst ist:

»Das Spanische an sich findet oft seinen Ausdruck in der spanischen Poly­phonie. Man sagt von den Spaniern, dass sie in ihrer Religionsausübung besonders leidenschaftlich und gleichzeitig mystisch sind, worin sie sich von anderen unterscheiden. Diese Denkweise geht eine ganze Zeit zurück: Als Michelangelo von dem florentinischen Maler Pontormo gefragt wurde, wie er seinen spanischen Patron am besten zufrieden stellen könne, antwortete er, dass Pontormo “viel Blut und Nägel” zeigen solle.
Eine solche Rohheit ist auch oft der spanischen Musik zugeschrieben worden. In meiner Erfahrung hat nur die Musik von Victoria eine derartige Intensität, und dort auch nur in seinem sechsstimmigen Requiem und den Werken für die Karwoche. Jedoch ist es letztend­lich diese Intensität, die ihn so unverkennbar macht, und das nicht nur in dem größeren europäischen Kontext sondern auch im Vergleich zu seinen Landsleuten.«

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Giovanni Pierluigi da PalestrinaDer (vermutlich) in der Nähe von Rom geborene Giovanni Pierluigi da Palestrina (1514?-1594) gehörte zu den fleißigsten und bekanntesten Komponisten des 16. Jahrhunderts: 104 Messen, 375 Motetten, dazu zahlreiche Magnificatvertonungen, Hymen, Offertorien und (last, but not least) 140 weltliche Madrigale sind in der 30-bändigen kritischen Ausgabe seiner Werke aufgeführt. Schon wenige Jahre nach seinem Tod wurde aus seinem Personalstil der Palestrinastil, ein kontrapunktisches Satzmodell, das gelehrt und angewandt wurde. Noch heute gilt dieser Palestrinastil als exemplarisch für das 16. Jahrhundert. Ohne das Wirken der anderen Komponisten schmälern zu wollen, war Palestrina der wichtigste und einflussreichste Komponist seiner Epoche.
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Joseph HaydnAm Karfreitag 1787 (es war der 6. April) wurde die ursprüngliche Orchesterfassung der “Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“, Hob. XX/1:A von Joseph Haydn (1732-1809) in der Grotto Santa Cueva bei Cádiz uraufgeführt. Es war eine Auftragsarbeit des Domherren von Cadíz gewesen, mit der dezidierten Forderung  nach sieben langsamen, meditativen Sätze für jedes der sieben letzten Worte Jesu:

I. Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun
II. Fürwahr, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein
III. Frau, hier siehe Deinen Sohn!
IV. Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?
V: Ach, mich dürstet
VI. Es ist vollbracht
VII. Vater, in Deine Hände lege ich meinen Geist

Im Vorwort, das Haydn für die Druckausgabe beim Verlag Breitkopf verfasste, bemerkte er süffisant: »Die Aufgabe, sieben Adagios, wovon jedes gegen zehn Minuten dauern sollte, aufeinander folgen zu lassen, ohne den Zuhörer zu ermüden, war keine von den leichtesten«. Er meisterte die ungewöhnliche Aufgabenstellung: Noch im selben Jahr fertigte Haydn eine Fassung für »Clavicembalo Forte-Piano«, also einen Klavierauszug und eine Fassung für Streichquartett an, 1796 folgte dann noch eine Fassung als Oratorium. Seitdem gehört das Werk in der einen oder anderen Fassung zum festen Repertoire der Konzertsäle (und nicht zuletzt der Kirchen), besonders in der Fasten- und Passionszeit.
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W.A. Mozart - Symphonies 38-41 - SCO, MackerrasIm vergangenen Jahr wurden die Aufnahmen des Scottish Chamber Orchestra (SCO) unter Charles Mackerras mit den letzten Sinfonien Nos. 38-41 von Wolfgang Amadeus Mozart (erschienen beim britischen Label Linn) mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Kritikerpreis der Brit Awards 2009, dem wichtigsten französischen Kritikerpreis ‘Choc de l’annee 2008′ der Monde de la Musique und die Auszeichnung zur CD des Jahres 2009 beim BBC Music Magazine Award. Schon lange hatte man Mozarts Sinfonien nicht mehr so inspiriert, so schwungvoll, so frisch und stilsicher gehört, wie auf dieser Doppel-SACD, die auch klanglich mühelos quasi alles in den Schatten stellte, was zuvor in Sachen Mozart-Sinfonien veröffentlicht wurde.

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Babette Dorn

Babette Dorn - Quelle: genuin.de

Zum dritten Mal lädt die Pianistin Babette Dorn in die Oper: Nach ihren Alben mit Variationen aus Motiven der Mozart-Opern Don Giovanni (“Adventures on the Piano”; Genuin, August 2006) und Le nozze di Figaro (“Romance on the Piano”; Genuin, November 2006) spielt die gebürtige Braunschweigerin auf “Magic on the Piano” (wieder beim Leipziger Label Genuin erschienen) wieder Klavier-Variationen aus der Klassik und Romantik einer populären Oper Mozarts: Dieses Mal ist es die vermutlich bekannteste und populärste (Mozart-) Oper überhaupt, die Zauberflöte. Klavierbearbeitungen waren ja, im 19. Jahrhundert, dem Zeitalter vor Radio, Schallplatte oder iPod, die populärste Methode, sich »die neusten Opern-Melodien auch außerhalb der Theater« oder die »größten Erfolge der letzten Saison« (noch) einmal zu hören, erklären die witzig geschriebenen, aufschlussreichen Anmerkungen (von Tilmann Böttcher und Babette Dorn selbst verfasst). Klavierbearbeitungen waren also lukrative Einnahmequellen für die Bearbeiter und Herausgeber, sie waren aber (zumindest im Fall bekannter Werke) auch eine Art Hommage an den Komponisten und ein Spiegel der (sich verändernden) Rezeption eines Werkes.
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Leipziger Streichquartett: Robert Schumann - Streichquartette / KlavierquintettDas vielfach national und international ausgezeichnete Leipziger Streichquartett (mein erklärtes Lieblingsstreichquartett, wenn ich an dieser Stelle mal etwas subjektiv werten darf, Anm. d. Autors) hat sich für seine neueste Veröffentlichung, sozusagen als besonderer Beitrag zum Schumann-Jahr, etwas Originelles einfallen lassen: Sie spielen die Schumannschen Streichquartette als Weltersteinspielung in den ursprünglichen Fassungen, d.h. in der Fassungen, in denen sie am 13. September 1842 im privaten Kreis zum ersten Mal gespielt wurden (anlässlich des Geburtstages von Clara Schumann) und wie sie dann bei der öffentlichen Premiere am 8. Januar 1843 im Gewandhaus Leipzig uraufgeführt wurden. Erst nachdem sie Schumanns engster Freund Felix Mendelssohn Bartholdy bei diesem Anlass gehört hatte (er war damals der Kapellmeister des Gewandhauses) und Kritik an einigen Stellen äußerte, kam es zu umfangreichen und nicht unwesentlichen Korrekturen und Kürzungen durch Schumann, die dann zu der heute noch gebräuchlichen revidierten Fassung führten. Schumann hat die Korrekturen impulsiv und grob in der Partitur der Uraufführung vermerkt. Es ist diese handschriftlich korrigierte Partitur der Urfassung, die die Grundlage für diese Aufnahme ist.
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Joseph HaydnDas Bild von Joseph Haydn (1732-1809), einer der drei Kronen der Wiener Klassik (gemeinsam mit Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven) hat im letzten Jahr, dem viel beschworenen Haydn-Jahr (zum 200. Todestag des österreichischen Komponisten), vielleicht einen  entscheidenden Impuls zur Korrektur des »Papa Haydn«-Images erhalten. Zwar galt er auch in der Vergangenheit immer ruhmreich als Vater bestimmter Gattungen (‘Vater der Sinfonie’, ‘Vater des Streichquartetts’, ‘Vater der Klaviersonate’), gleichzeitig hing ihm aber immer das Vorurteil des angestaubten und etwas langweiligen Komponisten an, gerade im Vergleich zu Mozart und Beethoven. Das Jubiläumsjahr wurde genutzt, um zahlreiche Werke neu einzuspielen, anders zu bewerten, anders zu Gehör zu bringen. Der runderneuerte Haydn, ob historisch informiert oder auf modernen Instrumenten, klang spannender, aufregender, revolutionärer und unterhaltsamer, als man ihm das lange Zeit zugetraut hätte. Seine Sinfonien, seine Messen und Oratorien, seine Klavierwerke wurden zweifelsohne aufgewertet.
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Ludwig van Beethoven mit der Missa solemnis Ölgemälde von  Joseph Karl Stieler, 1819»Dass Ludwig van Beethoven (1770-1827) für die Klaviersonate, das Streichquartett, die Violine und die Sinfonie Bahnbrechendes geleistet hat, ist vielen bekannt. Doch hat er sich auch um die Literatur für das Violoncello verdient gemacht und darf heute als der Schöpfer der modernen Cellosonate gelten. Zwischen 1796 und 1815 schuf er fünf große Sonaten, mehr als jeder andere Komponist von Rang. Jede einzelne ist für sich ein Meisterwerk – und für jeden Musiker ist es stets eine Offenbarung, die Entwicklung dieser Werke zu erleben.« So schwärmerisch und leidenschaftlich beginnt der deutsche Cellist Daniel Müller-Schott, einer der renommiertesten und bekanntesten Vertreter seiner Zunft, seine Liner Notes (fast will ich schreiben: sein Plädoyer) zu seiner jüngsten Veröffentlichung mit den beiden späten Cello-Sonaten Beethovens (und den Händel- und Mozart-Variationen desselben), die er zusammen mit der kanadischen Pianistin Angela Hewitt für das britische Label Hyperion eingespielt hat.
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Die Deutsche Streicherphilharmonie ist ein Jugendorchester (allerdings kein vollständiges Symphonie-Orchester, sondern ein reines Streichorchester), das sich aus den talentiertesten Nachwuchsmusikern (im Alter von 13 – 19 Jahren) der deutschen Musikschulen zusammensetzt. Das Orchester, heute mit Sitz in Bonn, entstand 1973 als Auswahl-Streichorchester der Musikschulen der DDR als Festivalorchester für die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Ost-Berlin und war danach unter dem Namen Rundfunk-Musikschulorchester (RMO)  eng an den DDR-Rundfunk angebunden und zumindest im Osten der Republik ein Begriff. Noch heute ist das Rundfunkorchester Berlin das Patenorchester der Deutschen Streichphilharmonie (DSP), die seit 1991 unter Trägerschaft des Verbandes deutscher Musikschulen steht und sich nun freilich aus jungen Musikern und Musikerinnen aus der gesamten Republik zusammensetzt.
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G. F. Handel - Die Unterschrift, anglisiertGeorg Friedrich Händel (oder anglisiert und von ihm selbst zuletzt verwendet George Frideric Handel, 1685-1759) gilt, neben Johann Sebastian Bach (1685-1750), als der bedeutendste Komponist des Barocks, auch wenn das Werk und Wirken der beiden deutliche Unterschiede zeigt: Während Bach vor allem wegen seiner sakralen Musik (Passionen, Messen, Kantaten) und seiner stark kontrapunktisch angelegten Werke für Tasteninstrumente (Orgel, Cembalo bzw. Klavier) und einiger weltlicher Solo- und Orchesterwerke geschätzt wird, sind es bei Händel neben einigen Konzerten und Suiten (Feuerwerksmusik, Wassermusik, Orgelkonzerte) vor allem die 25 Oratorien (und hier allen voran der Messiah) und in den letzten Jahren in zunehmenden Maße wieder seine 46 Opern, die Beachtung finden.
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