Die Geschichte des Komponisten Norbert Glanzberg (1910-2001) ist wie ein Spiegel der Ereignisse im Europa des 20. Jahrhunderts. Von jüdischer Abstammung in Lemberg, im damaligen Österreich-Ungarn (heute Ukraine) geboren und kurz nach der Geburt nach Würzburg umgezogen, wuchs Norbert Glanzberg im damals multiethnischen Mitteleuropa auf. Als junger, hoffnungsvoller Komponist begann er 1931 für die Ufa zu arbeiten (in Filmen von Billy Wilder und Max Ophüls), flüchtete aber kurz nach der Machtergreifung der Nazis nach Frankreich, wo er sich als Klavierbegleiter, später auch als Komponist von Chansons (u.a. für Edith Piaf, Yves Montand und Charles Trenet) eine erfolgreiche Laufbahn in der sogenannten U-Musik aufbaute, obwohl er eigentlich eine Karriere als ‘ernsthafter Komponist’ angestrebt hatte. Erst 1998 sollte er nach Würzburg zurückkehren, um dort ein Konzert seiner erst spät im Leben entstandenen “Suite Jiddish” zu geben. Diese ist jetzt, gemeinsam mit seinen kurz zuvor geschriebenen “Holocaust Liedern”, in orchestrierter Form für die vorliegenden SACD vom Orchestre Symphonique de Mulhouse unter Daniel Klajner (dem langjährigen Musikdirektor in Würzburg) eingespielt worden; die Lieder wurden interpretiert vom Dresdner Bariton Roman Trekel.

Zwölf textlich und musikalisch höchst unterschiedliche Kompositionen sind bei der Sammlung seiner “Holocaust Lieder” zu hören. Glanzberg hatte die Nummern 1983 geschrieben, nachdem er den Gedichtband “Der Tod ist ein Meister aus Deutschland” mit Werken von KZ-Häftlingen gelesen hatte, deren Texte er hier teilweise vertonte. Ursprünglich nur für Gesang mit Klavierbegleitung geschrieben, wurden die Lieder vom Schweizer Dirigenten Daniel Klajner auf Anregung des Komponisten orchestriert und hier zum ersten Mal auf CD veröffentlicht. Der Bariton Roman Trekel erweist sich bei den Liedern als variabler und vor allem bei den Wiegenliedern als einfühlsamer Interpret, das Orchester spielt beschwingt und den Stücken entsprechend mal klagend, mal süßlich: Die Orchestrierung Klajners greift jene Einflüsse auf, die maßgeblich auf Glanzberg gewirkt haben, also die Romantik und Spätromantik, sowie der osteuropäische Neoklassizismus eines Dmitri Shostakovich, aber auch die Filmmusik der 1930er und 1950er Jahre. Was man auch in diesen Orchesterbearbeitungen gut heraushören kann, ist Glanzbergs untrügliches Talent, die Texte musikalisch in Szene zu setzen, bestimmte Zeilen zu betonen, sie dramaturgisch aufzuarbeiten. Vor dem Hintergrund seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Melodienschreiber für den französischen Chanson ist es nicht verwunderlich, dass die Lieder, bei aller schockierenden Realität, die sie aus dem Alltag von KZ-Häftlingen vermitteln, gut hörbar bleiben. Glanzberg gelingt mit dieser bemerkenswerten Unverkrampftheit ein schwieriges Thema für heutige Hörer erfahrbar zu machen. Die quirligen und facettenreichen Orchestrierungen unterstreichen dabei insgesamt den Charakter; genauso gut kann ich mir aber die Lieder mit spärlicherer Begleitung in etwas intimeren Rahmen vorstellen.

Auch ohne direkte textliche Richtschnur gelang es Glanzberg in seiner “Suite Yiddish” sich mit seinen Wurzeln und der Geschichte der Juden in Europa auseinander zu setzen.  Wieder ist es bemerkenswert, wie unverkrampft, wie verspielt manche Passagen wirken. Glanzberg, der niemals im osteuropäisch-jüdischen Lebensraum des letzten Jahrhunderts wirklich gelebt hat, verwandelt die Bilder, die er beim Lesen der Bücher des Jiddish-Schriftstellers Isaac Bashevis Singer vor dem geistigen Auge sah, in gewitzte und farbenfrohe Musik. Die Orchestrierung, die der Dirigent und Glanzberg-Vertraute in späten Jahren Frédéric Chaslin geschrieben hat, unterstreicht den Charakter des ursprünglich für Klavierduo geschrieben Werkes. Chaslin und Klajner teilen sich übrigens auch die  wirklich lesenswerten Anmerkungen im Textheft zu Vita Glanzbergs und zur Entstehung der Werke (und Bearbeitungen). Wie immer bei Produktionen des audiophilen Labels MDG, ist die Klangqualität der Aufnahmen makellos und ein weiterer Pluspunkt bei dieser ungewöhnlichen Veröffentlichung.

Fazit: Es gibt wenig musikalische Auseinandersetzung mit dem Holocaust und der Situation der Juden im Europa des frühen 20. Jahrhunderts, die so unverkrampft und gleichzeitig so intensiv sind, wie die hier vorgestellten Werke Glanzbergs.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die SACD Norbert Glanzberg – Holocaust Lieder / Suite Yiddish, eingespielt vom Orchestre Symphonique de Mulhouse unter der Leitung von Daniel Klajner mit Roman Trekel als Solisten (bei den Holocaust-Liedern) erscheint am 19. Februar 2010 auf MDG (901 1588) und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Holocaust Lieder für Bariton und Orchester, orch. v. Daniel Klajner
  2. Suite Yiddish, orch. v. Frédéric Chaslin

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