Kathryn Stott & The Hermitage String Trio: Gabriel Fauré – Piano Quartets · Nocturne No. 4
Geschrieben von Sal Pichireddu in Der besondere Tipp, Neuerscheinungen, Rezension
Man könnte meinen, 2010 sei in Großbritannien ein Jubiläumsjahr des französischen Komponisten Gabriel Fauré (1845-1924), so sorgfältig eingespielt (und getimt) sind die Neuerscheinungen mit seiner Musik. Doch so sehr man auch an den Zahlen herumdrehen mag (auch wenn man bedenkt, dass die Uhren im Vereinigten Königreich anders ticken): Es ist wohl eher Zufall, dass nur einen Monat nach der überragenden Neueinspielung seiner Klavierquintette durch das Schubert Ensemble nun eine ebenfalls exzellente Neuveröffentlichung mit seinen Klavierquartetten (wieder) bei Chandos erschienen ist. Dieses Mal zeichnen sich die einfühlsame Pianistin und Fauré-Expertin Kathryn Stott und das Hermitage Stringtrio (ein Streichtrio, dass aus russischen Musikern besteht, deren Lebensmittelpunkt in Großbritannien liegt) dafür verantwortlich.
Wenn auf Fauré-Alben immer wieder Motive des impressionistischen Malers Claude Monet auf dem Cover abgebildet werden, so ist dies nur die halbe Wahrheit über seine Musik, denn Faurés Musik kann sowohl romantisch, als auch impressionistisch sein, in den meisten Fällen ist sie beides zugleich. Das Klavierquartett No. 1 in c-Moll, op. 15 (1876-79 geschrieben und 1883 überarbeitet) gehört gewiss zu seinen romantischeren Werken: Sowohl Einflüsse seines Lehrers Camille Saint-Saëns, als auch ein Hauch von Felix Mendelssohn Bartholdy scheint das Werk zu beseelen. Dazu kommt das verspielte, virtuose und omnipräsente Klavier (Im Kopfsatz ist das Klavier an jedem Takt beteiligt). Kathryn Stotts zurückhaltendes und weiches Spiel und der warme, nahezu ansatzlose Klang des Hermitage String Trios unterstreichen ganz ohne jede Süßlichkeit das Wechselspiel zwischen leidenschaftlicher Emotionalität und romantischer Verklärung. Wenn man so will, so kann man die Interpretation als geglückte Symbiose aus russischer Leidenschaft und britischer Zurückhaltung deuten.
Das Klavierquartett No. 2 in g-Moll, op. 45 (1884-86) birgt, trotz des leidenschaftlich-virtuosen Beginns mit seinem hinreißenden Thema, eine breitere stilistische Palette in sich: Nach dem schwelgenden ersten Satz folgt ein Scherzo, das es wirklich überrascht (und das sich deutlich vom Stil des ersten Quartetts unterscheidet): Das Klavier hämmert fast mechanische Ostinati herunter, um dann immer wieder auszubrechen, die Streicher spielen dazu nervös und unverhohlen bedrohlich. Dies hier ist keine ländliche Idylle mehr, dies ist pulsierendes urbanes Leben. Das folgende träumerische Adagio führt den Hörer wieder in eine andere Richtung; das abschließende Allegro mit seiner ausgeprägten Rhythmik und seinen vielschichtigen Klangfarben weist (wie schon das Scherzo) auf den aufkommenden Impressionismus und auf das sich ankündigende 20. Jahrhundert hin. Wieder erweist sich Kathryn Stott als kraftvolle, gleichzeitig aber auch kontrollierte Interpretin (ganz im Sinne der Kompositionen), die mit ihrem wohl durchdachten Spiel hier ganz klar den Ton angibt und das Hermitage String Trio führt (die sich klugerweise führen lassen).
Als ‘Zugabe’ spielt dann Kathryn Stott als Solistin das Nocturne No. 4 in Es-Dur, op. 36 von 1884 so zart, so verträumt, dass man sich wirklich an einem Nachmittag im Frühsommer im Boot bei Giverny wähnt, ganz so, als wäre man eingetaucht in das Bild von Claude Monet auf dem Cover.
Vor allem Kathryn Stott merkt in jedem Moment dieses Albums an, dass sie sich intensiv mit Fauré auseinandergesetzt hat und dass sie sich sehr gut in seine Musik hinein versetzen kann: Dieses Album ist das Ergebnis eine wohl durchdachten Interpretation, nicht nur der Werke, sondern des Künstlers Fauré. Eine CD mit verzaubernder Musik, überzeugend eingespielt vom Hermitage String Trio und Kathryn Stott,wirklich eine ‘besondere CD‘.
Das Album des Hermitage String Trio mit Kathryn Stott am als Solistin Klavier mit den Klavierquartetten Nos. 1 und 2 und dem Nocturne No. 4 von Gabriel Fauré ist am 19. Februar 2010 Chandos (10582) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de bestellt werden.
Inhalt:
- Klavierquartett No. 1 in c-Moll, op. 15
- Klavierquartett No. 2 in g-Moll, op. 45
- Nocturne No. 4 in Es-Dur, op. 36
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