Ilona Then-Bergh & Michael Schäfer: Sylvio Lazzari / Volkmar Andreae – Sämtliche Werke für Violine und Klavier
Geschrieben von Sal Pichireddu in Neuerscheinungen, RezensionEine Binsenweisheit besagt: »Nicht alles, was in der Musik hörenswert wäre, wird gehört; nicht alles, was gehört wird, ist wirklich hörenswert« Jeder, der sich mit Musik gleich welcher Art beschäftigt, erfährt sofort, dass Erfolg und Bekanntheitsgrad eines Werkes oder eines Künstlers nur ein sehr zweifelhafter Gradmesser für die Qualität der Musik ist; umgekehrt ist gewiss nicht alles Gold, was auf goldenen Schallplatten glänzt. Wer das nicht glauben will, der mag einfach nur ein beliebiges Mainstream-Radio einschalten und hören, was uns dort vorgedudelt wird. Zwar ist der Klassik-Sektor bisher weitgehend von solchen Manipulationen verschont geblieben, doch auch hier häufen sich die Versuche dem Hörer ein X (für x-beliebig) für ein U, Pardon, für ein E (wie E-Musik) vorzumachen. Auch der eine oder andere Klassiksender beschränkt sich bei seinem Programm auf die ‘Greatest Hits’ oder noch schlimmer, auf die bekannten Themen der ‘Greatest Hits’, wie schauderhaft!
Wie wundervoll ist es hingegen, wenn sich Künstler als Forscher betätigen und in den Archiven Vergessenes und Seltenes zu Tage fördern, das bisher ungehört bliebt und das nun dem Entdecker unter den Musikfreunden zu Gehör gebracht wird. Das Münchener Kammerduo Ilona Then-Bergh (Violine) und Michael Schäfer (Klavier) hat auf seiner neuen CD für das Leipziger Label Genuin mit Werken für Violine und Klavier der Fin-De-Siècle-Komponisten Sylvio Lazzari (1857-1944) und Volkmar Andreae (1879-1962) solch vergessene Kleinode zu Tage gefördert und was man zu hören kriegt, ist sowohl kompositorisch, als auch interpretatorisch Kammermusik vom Feinsten, nur eben solche, die abseits der eingetretenen Wege der Kammermusik für Violine und Klavier stattfindet.
Sylvio Lazzari, geboren im damals noch österreichischen Bozen (heute bekanntermaßen als Bolzano ein Teil der autonomen Region Südtirol in Italien), reiste nach einem Jurastudium in Wien nach Paris, um dort am Konservatorium zu studieren. Dort ließ es sich dauerhaft nieder und wurde 1896 französischer Staatsbürger. Zu diesem Zeitpunkt war er schon eine bekannte Figur im musikalischen Leben der Hauptstadt, u.a. war er Präsident der französischen Wagner-Gesellschaft. Seine Wahlheimat Frankreich und seine glühende Verehrung für Richard Wagner sind dann auch die beiden Haupteinflüsse auf seine Musik gewesen. Seine Sonate für Violine und Klavier in E-Dur, op. 24 von 1894 ist eine faszinierende Mischung aus Wagner’schen Zitaten und impressionistischen Klängen (immerhin war Lazzaris Freund und ehemalige Lehrer César Franck), dies alles in Form einer Beethoven’schen Sonate (speziell der Kreutzersonate). Erfreulich, dass Ilona Then-Bergh bei ihrem Spiel auf allzu süßlichen oder pathetischen Klang verzichtet und so die gesamte Bandbreite der Fin-De-Siècle-Komposition mit all ihren konkurrierenden und widersprüchlichen Tendenzen ausgestaltet. Gerade bei den ersten beiden Sätzen entpuppt sich Lazzari als überaus versierter und eigenständiger Komponist, der geschickt sein zweigeteiltes musikalisches Credo in eine stringente Form bringt.
Weniger französisch als bei Lazzari geht es in der Sonate für Violine und Klavier in D-Dur, op. 4 zu des Schweizer Dirigenten und Komponisten Volkmar Andreae zu. Andreaes Œuvre als Komponist ist, wie so oft bei Dirigenten, heutzutage völlig in Vergessenheit geraten. Das Vorurteil, das Dirigenten das Komponieren nur nebenher betreiben und Kapellmeistermusik schreiben (und gibt es nicht genügend Beispiele, wo dies so sein mag?), kann beim Anhören der Violinsonate Andreaes beim besten Willen nicht bestätigt werden. Der langjährige Dirigent des Tonhalle-Orchester Zürich belegt, dass er bei seiner Sonate, die er als 25-jähriger 1904 schrieb, sehr genau die klassischen Formen der Sonate beherrschte und mit Leben und Persönlichkeit zu füllen wusste. Seine Anklänge an Wagner und Brahms (!) werden von Then-Bergh und Schäfer als Ausdruck einer Zeit gedeutet, in der sich das scheinbar Unvereinbare sehr wohl vereinbaren ließ (fast schon im postmodernen Sinne). Standen sich Brahms und Wagner als führende Vertreter zweier Auffassungen gegenüber (und ihre Anhänger sogar noch viel mehr), so schafft Andreae in seiner Musik eine Synthese aus beiden und so schaffen es wiederum die beiden Musiker diesen aufgelösten Antagonismus lebendig zu gestalten. Hört man diese Aufnahmen, dann wird einem klar, was im Booklet der »Schmelztiegel-Charakter« der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts genannt wird, der in die komplexe und sehr individuelle Fin-de-Siècle-Ästhetik Lazzaris und Andreaes mündete.
Die hörenswerte Einspielung mit hörens- und entdeckenswerten Werken für Violine und Klavier von Sylvio Lazzari und Volkmar Andreae, gespielt von Ilona Then-Bergh & Michael Schäfer, erhält das Prädikat »Die besondere CD« Februar 2010 auf blog.codaex.de
Die CD Sylvio Lazzari / Volkmar Andreae – Sämtliche Werke für Violine und Klavier von Ilona Then-Bergh & Michael Schäfer ist am 19. Februar 2010 auf Genuin erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Sylvio Lazzari: Sonate für Violine und Klavier in E-Dur, op. 24
- Sylvio Lazzari: Scherzo in gis-Moll für Violine und Klavier
- Volkmar Andreae: Sonate für Violine und Klavier in D-Dur, op. 4
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[...] Zuletzt nahmen sie sich auf überzeugende Weise (‘Die besondere CD‘ 02/2010 hier im Blog) der Fin-De-Siècle-Komponisten Sylvio Lazzari und Volkmar Andreae an; nun stellt das Paar erneut eine interessante Kombination von zwei Komponisten vor. Auf ihrem neuen Album sind die Violinsonaten von Grigorij Krein (1879-1957) und Samuil Feinberg (1890-1962) zu hören. Um es vorweg zu nehmen: Für die Wahrnehmung der Musik der beiden (nicht nur) hierzulande unbekannten russische Meister der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, könnte diese CD einen kleinen, bescheidenen, aber durchaus wirkungsvollen Wendepunkt bedeuten. Denn was das Duo Then-Bergh/Schäfer hier zu Tage gefördert und wirklich engagiert auf höchstem Niveau eingespielt hat, ist ein beeindruckendes Plädoyer für die Komponisten Krein und Feinberg, zwei von so vielen unbekannt gebliebenen russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Dabei trennen die beiden Komponisten nicht nur elf Jahre und (die in der Musik gewichtig sein können), sondern auch unterschiedliche ästhetische Ansätze. Gemeinsam haben sie ihre russisch-jüdischen Wurzeln, die sie allerdings ganz unterschiedlich in ihrem Personalstil verarbeiten haben – oder eben nicht. [...]