Robert Schumann

Robert Schumann

Ich gebe zu, Robert Schumann (1810-1856) gehört eigentlich nicht zu meinen Lieblingskomponisten. Die Romantik, oder vielmehr das, was wir gemeinhin mit romantischer Musik verbinden, erschließt sich mir einfach nicht, dies gilt besonders die Klaviermusik, vielleicht einmal abgesehen von einigen Spitzen-Interpretationen vergangener Generationen (ich denke da an Walter Gieseking). Als ich aber eher zufällig beim ostdeutschen Kultursender mdr Figaro einen Podcast über das Album “Klavierwerke aus Dresden 1845-1849″ des Düsseldorfer Pianisten Tobias Koch hörte (s. dazu diesen → Blogbeitrag), wollte ich zunächst meinen Ohren kaum trauen: Das sollte wirklich Schumann sein? So strukturiert, so klar, so revolutionär, so gänzlich ohne ohne »romantische Gefühlsduselei« auf einem Instrument, das frisch und perlend und ganz und gar anders klang, hatte ich Schumann noch nie gehört.

Tobias Koch: Robert und Clara Schumann - Klavierwerke

Tobias Koch hat auf seiner zweiten CD mit Einspielungen von Robert (und Clara) Schumanns Werken für Klavier solo “Klavierwerke aus Dresden 1845-1849″ (auf Genuin, die erste CD “Spätwerke” erschien 2007, ebenfalls beim Leipziger Label) einen (weiteren) Grundstein für eine (hoffentlich) veränderte Sicht auf die Musik Robert Schumanns hier in Deutschland gelegt. Er gehört zu den wenigen Pionieren, die Schumann (und seine Zeitgenossen) prinzipiell auf Original-Instrumenten, mehr noch auf ursprünglichen Instrumenten spielen, das heißt: Schumanns Musik erklingt auf einem Flügel, der dem Schumanns in seiner Dresdner Zeit gleicht: einem von Pierre Érard in London 1852 erbautem Instrument, mit klarem glockenhaften Klang, dessen Sound deutlich von dem heutiger, moderner Konzertflügel abweicht. Erst durch die Wahl des Instruments erschließen sich die auf “Klavierwerke aus Dresden 1845-1849″ zusammengefassten Stücke von Robert und Clara Schumann, darunter auch bisher nicht aufgenommene Skizzen aus dem Dresdner Taschennotizbuch . Diese “Dresdner Phase” bedeutete in Schumanns Leben Neuanfang (er veränderte die Art des Komponierens radikal, zog von Leipzig nach Dresden, trennte sich von seinem Sprachrohr der “Neuen Zeitschrift für Musik”)  und Rückbesinnung auf seinen ‘Meister’ Bach zugleich: Unüberhörbar sind die Einflüsse der ausführlichen Bach-Studien jener Zeit auf das Künstlerpaar Schumann etwa in den Fugen, aber auch in Robert Schumanns “Waldscenen” steckt mehr Struktur, mehr Distanz, mehr Bach, als in all seinen Werken zuvor. Kochs Verdienst ist es, dass er Schumann vom Klischee des weltschmerzenden Romantikers befreit hat und ihn als Revolutionär und Konservativen (im Sinne eines Rückgriffs auf Bachsche Techniken) gleichzeitig präsentiert. Sein Érard ist dabei das perfekte Instrument, um Schumanns Musik ursprünglich zu präsentieren und nicht im donnernden Nachhall eines Steinways zu kaschieren. Vielleicht muss man Schumann nicht unbedingt auf einem Original-Instrument spielen, aber die Wahl des Instrumentes hilft dabei, den von den Schumanns selbst erfahrenen und intendierten Klang zu reproduzieren.

Erard, London

Diese CD ist ein exzellenter Beitrag zum diesjährigen Schumann-Jahr (es jährt sich der 200. Geburtstag). Tobias Koch empfiehlt sich hier als ausgewiesener Fachmann für eine neue, authentischere Rezeption der Romantik. Was in der barocken Musik durch die historische Aufführungspraxis längst gang und gäbe ist, könnte (und sollte?) auch die Musik des 19. Jahrhunderts erreichen. Kochs aktuelle CD  ist auf jeden Fall ein Beleg dafür, dass Interpretationskunst und Authentizität sich nicht ausschließen, sondern bereichern können: Schumanns Musik klingt so einfach schlüssiger.

Die interessanten, aufschlussreichen und witzig geschriebenen Liner Notes (von Koch selbst) und der exzellente Klang der Aufnahmen machen diese CD zu einem der ersten echten Highlights des Jahres.

“Tobias Koch: Robert und Clara Schumann – Klavierwerke aus Dresden 1845-1849″ ist die
CD des Monats Januar 2010

auf blog.codaex.de

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Die CD Robert und Clara Schumann – Klavierwerke aus Dresden 1845-1849 von Tobias Koch ist am 20. Januar 2010 auf Genuin erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Robert Schumann: Vier Märsche, op. 76
  2. Robert Schumann: Waldscenen, op. 82
  3. Robert Schumann: Vier Fugen, op. 72
  4. Clara Schumann: Drei Präludien und Fugen, op. 16
  5. Robert Schumann: Studien für den Pedalflügel (übertragen von Clara Schumann), op. 56
  6. Robert Schumann: Skizzen und Fragmente (Dresdner Taschennotizbuch)


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