sonic.art Quartett – performing Ligeti, Tüür, Katzer, Lévy, Neuwirth, Xenakis
Geschrieben von Sal Pichireddu in Der besondere Tipp, Neuerscheinungen, Rezensionsonic.art Quartett, so lautet der interpunktuell originelle Name eines blutjungen Berliner Kammermusikensembles, genauer gesagt eines Saxophonquartetts, bestehend aus (von links nach rechts auf dem Foto) Martin Posegga (Tenorsaxophon), Ruth Velten (Sopransaxophon), Annegret Schmiedl (Baritonsaxophon) und Alexander Doroshkevich (Altsaxophon). Das Besondere am sonic.art Quartett ist, dass es mit Vorliebe Originalliteratur für Saxophonquartett spielt und nur in Ausnahmefällen auf Bearbeitungen zurückgreift. Das hehre Ziel der vier Musiker und Musikerinnen ist es, das Saxophonquartett generell besser im Bewusstsein der Klassikhörer zu verankern. Freilich: Historisches Material für Saxophonquartett kann es schon wegen des ‘jugendlichen’ Alters des Saxophon nicht geben (das erste Saxophon wurde ja von Adolphe Sax 1842 gebaut); den vier Berlinern bleibt also nur der direkte Kontakt zu zeitgenössischen Komponisten. Auf ihrer bemerkenswerten Debütveröffentlichung spielen die vier dann auch folgerichtig ausschließlich Musik der Moderne und mit einer Ausnahme Originalkompositionen für Saxophonquartett.
Die “Sechs Bagatellen” von György Ligeti, in seiner Frühzeit 1953 für Klavier geschrieben und später von ihm selbst für Bläserquintett umgeschrieben, von Guillaume Bourgogne mit Genehmigung Ligetis 1997 für Saxophonquartett bearbeitet, sind der furiose Auftakt des Albums. Ligetis Bagatellen loten in der vorzüglich geratenen Bearbeitung (man mag sich das Werk gar nicht anders vorstellen wollen) das gesamte bekannte Klangspektrum des Saxophons aus. Das sonic.art Quartett überzeugt dabei mit präzisem Spiel und unüberhörbaren Enthusiasmus. Einen Schritt weiter im Ausloten der klanglichen Möglichkeiten des Saxophons geht der bekannte estnische Komponist Erkki-Sven Tüür bei seiner Komposition “Lamentatio”, die er unter dem Eindruck der Estonia-Katastrophe 1994 für das Stockholmer Saxophonquartett geschrieben hatte, einer Katastrophe, die Tüür übrigens nur durch einen Zufall entgangen war (der vereinbarte Termin mit den schwedischen Musikern musste aus Terminschwierigkeiten um eine Woche verschoben werden, ansonsten wäre er vermutlich unter den zahlreichen Opfern der Fähre gewesen, die er bereits gebucht hatte). Wenn bei Ligeti das gesamte bekannte Klangspektrum des Instruments ausgelotet wurde, so klingen die Instrumente im Intro des knapp 10-minütigen Stücks eben nicht nach Saxophon, sondern viel eher nach dem ewigen Dröhnen, Sirren und Klingen des Meeres. Erst wenn die Saxophone zu ihrer “eigenen Stimme” im Stück gelangen, ist das Lebendige, das Menschliche, das Leiden, der Todeskampf und das Klagen um die Toten greifbar, bevor wieder alles im ewigen Klang des Meeres versinkt. Die Werke “Ondate” von Olga Neuwirth und “XAS” von Iannis Xenakis sind sicher die sprödesten und komplexesten Werke auf dieser CD (sie stehen gewiss nicht zufällig am Ende der CD) und erschließen sich dem Hörer erst nach und nach, doch wer hier Geduld mitbringt, wird gerade bei diesen Werken die Leistung der Interpreten zu schätzen wissen: Das sonic.art Quartett erweist sich bei diesen höchst unterschiedlichen und teilweise technisch sehr anspruchsvollen Werken als souverän und spielt mit schönem (und eindringlichen) Klang und erschließt durch sein unverkrampftes, inspiriertes Spiel selbst die komplexesten und schwierigsten Werke. Nicht umsonst ist das Quartett mehrfacher Preisträger nationaler und internationaler Wettbewerbe und Stipendiat der Stiftung Deutscher Musikrat.
Dieses Album ist überzeugendes Plädoyer dafür, das Saxophon aus seinem Schattendasein in der klassischen Musik (gerade in der Kammermusik) zu befreien und ihm mehr Gehör zu (ver)leihen. Das sonic.art Quartett füllt eine Nische in der deutschen Musikszene, eröffnet aber der eher vernachlässigten Neuen Kammermusik durch diese CD gewiss neue Hörerschichten.
sonic.art Saxophonquartett performing Ligeti, Tüür, Katzer, Lévy, Neuwirth, Xenakis gehört zu den spannendsten und gelungensten Codaex-Veröffentlichungen des Monats Januar 2010 und erhält das Prädikat “Die besondere CD“.
Die CD des sonic.art Quartett mit Werken von György Ligeti, Erkki-Sven Tüür, Georg Katzer, Fabien Lévy, Olga Neuwirth und Iannis Xenakis ist am 20. Januar 2010 auf Genuin(10164) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt
- György Ligeti – Six Bagatelles
- Erkki-Sven Tüür – Lamentatio
- Georg Katzer – Wie ein Hauch… doch manchmal
- Fabien Lévy – Durch
- Olga Neuwirth – Ondate
- Iannis Xenakis – ΧΑS
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[...] Auf ihrer Debüt-CD (“Die besondere CD” im Januar 2010, siehe Besprechung → hier) lotete das Quartett (nahezu) die gesamte Bandbreite der zeitgenössischen Musik aus, von Ligeti [...]