Dass die Erfolgsgeschichte der “Bilder einer Ausstellung” von Modest Mussorgsky (1939-1881) zunächst gar keine war und erst durch die populäre Orchestrierung von Maurice Ravel (1875-1937) eine wurde, ist heute hinlänglich bekannt. Zwar gab es schon vor Ravel Orchestrierungen und erst recht danach (die nach Ravel populärste stammt wohl von Dirigenten und Arrangeur Leopold Stokowski), doch die Fassung, die Ravel schuf, erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit, obwohl sie (oder gerade weil sie) in nicht unerheblichem Maße ebenso ein Werk Ravels ist (und nicht nur eine Orchestrierung), die unüberhörbar die Handschrift des französischen Impressionismus und nicht die des russischen Realismus birgt. Die Bilder einer Ausstellung funktionieren in der Tat in vielen Fassungen, man denke doch nur an die Rockfassung aus dem Jahre 1971 der britischen Progressive-Rock-Formation Emerson, Lake and Palmer oder die Big-Band-Jazzfassung von Allyn Ferguson aus den frühen 1960er Jahren.

Das niederländische Royal Concertgebouw Orchestra unter Mariss Jansons präsentiert auf seiner neuesten Veröffentlichung des eigenen Labels RCO Live einen Zusammenschnitt aus verschiedenen Live-Aufnahmen aus dem Mai und August 2008 der populären Ravel-Fassung. Damit stellt sich das RCO der immensen Konkurrenz zahlreicher Aufnahmen, wahrlich: An Einspielungen in der Ravelschen Orchestrierung mangelt es nicht, doch das RCO unter Jansons braucht den Vergleich mit den allerbesten Aufnahmen nicht zu scheuen: Farbenfroh und ausdrucksstark, tiefgründig und vielschichtig spielen die Niederländer unter Jansons jede Nuance der Fassung präzise und detailreich aus. Der überdurchschnittliche Klang der Aufnahmen verstärkt den positiven Eindruck: Hier sind echte Könner am Werk, die das Repertoire-Stück nicht einfach nur routiniert vom Blatt herunterspielen sondern neu beleben, genauer betrachten wollen. So düster, so lebendig, so lyrisch habe ich die Bilder einer Ausstellung schon lange nicht mehr gehört. Leichte Abstriche möchte ich dennoch machen und sie sollten der Fairness halber hier nicht unerwähnt bleiben: Meiner Meinung nach hat man versäumt die SACD sinnvoll ‘aufzufüllen’. Für ein Album im Midprice-Segment (für rund 10 Euro beim Händler) halte ich eine Laufzeit von knapp 32 Minuten für ausreichend, doch gerade weil es in der Mussorgsky-Bilder-Diskographie so viel starke Konkurrenz im Midprice-Sektor gibt, hätte ich mir etwas Mehrwert (auch gegen einen Aufpreis) gewünscht. Warum hat man nicht die Spielzeit besser ausgenutzt und das Album mit weiteren Werken Mussorgskys ergänzt oder – noch besser – eine zweite Instrumentierung, etwa die des ehemaligen RCO-Mitglieds Geert van Keulen, der die Bilder für Bläser bearbeitete, hinzugefügt? Ich halte es für unglücklich, dass so viele andere Fassungen in den Liner Notes erwähnt werden, aber keine einzige davon auf der SACD präsent ist; das wäre ein echtes Plus gewesen. Überhaupt die Liner Notes: Wie kann es sein, dass die eigentlich sehr interessanten und durchaus kritischen Anmerkungen von Michiel Cleij so schlecht aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzt wurden? Ich finde solch einen Mangel an Sorgfalt unverständlich, lieber verzichte ich auf eine deutsche Übersetzung und lese eine ordentliche Übersetzung ins Englische oder versuche mich an der Originalsprache, als immer wieder über offensichtliche Übersetzungsfehler zu stolpern.

Fazit: Eine sehr gute Aufnahme auf einer ausreichend ausgestatteten SACD, die allerdings in punkto Interpretation und Klang  und Preis diesen Nachteil wettmachen kann. Der Käufer möge sich bitte für die großartige Leistung des Orchesters unter Mariss Jansons und den überdurchschnittlich guten Klang entscheiden und das kleine Manko der Ausstattung in Kauf nehmen.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Das Album des RCO unter Mariss Jansons mit den Pictures at an Exhibition (Bilder einer Ausstellung) von Modest Mussorgsky (Orch. M. Ravel) erscheint am 22. Januar 2010 auf RCO Live (RCO 09004) und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de sowie direkt bei → concertgebouworkest.nl (Links führen auf die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

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Eine Antwort zu “Royal Concertgebouw Orchestra, Mariss Jansons – Modest Mussorgsky: Pictures at an Exhibition”
  1. [...] schon bei der Mussorgsky-Einspielung im Januar (s. → Besprechung) und der Dvořák-Einspielung im April (s. → Besprechung) ist die Übersetzung der Liner Notes [...]

  2.  
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