Pavel Haas Quartet: Sergei Prokofiev – String Quartets Nos. 1 & 2, Sonata for two Violins
Geschrieben von Sal Pichireddu in Neuerscheinungen, Rezension
Die Musik von Sergei Prokofiev (1891-1953) ist immer schwer auszurechnen: Obwohl Prokofiev über einen ziemlich ausgeprägten Stil verfügt, weiß man vorher nie, was einen erwartet. Prokofiev hat einige der bekanntesten und bezauberndsten Themen des 20. Jahrhunderts geschrieben (man denke nur an den ersten Satz der “Symphonie Classique”, das Thema aus “Peter und der Wolf”, das durch Stings “Russians” berühmte gewordene Thema aus der Lieutenant Kijé Suite oder den kraftvollen “Tanz der Ritter” aus der Ballettmusik zu “Romeo und Julia”, zigfach in der Werbung zitiert), er hat aber fragile, intensive, introspektive und in sich verwobene und kunstvoll ausgearbeitete Musik geschrieben, die leider viel zu selten wahrgenommen wird. Prokofiev ist, gemessen an seinem Werk, ein Komponist, der zu oft auf wenige eingängige Themen reduziert wird. Als der wichtigste sowjetische Komponist neben Dmitri Shostakovich tritt Prokofiev in den letzten Jahren immer weiter in den Hintergrund (oder wird eben auf seine Greatest Hits reduziert), derweil Shostakovich immer mehr erforscht, interpretiert und verstanden wird. Dass Prokofievs Musik auch jenseits der populären Themen hörenswert ist, dass sie in ihrer Intensität auch heute noch über die Zerrissenheit des Komponisten, gefangen im stalinistischen System, zu berichten weiß, belegt die neue CD des tschechischen Pavel Haas Quartet, auf der das junge Ensemble aus Prag die beiden Streichquartette, opp. 50 und 92, sowie die selten zu hörende Sonate für zwei Violinen op. 56 eingespielt hat.
Verspielt und fast fröhlich beginnt das erste Streichquartett (geschrieben 1931-32), um dann bald ernsthaft zu werden birgt es vieles, was für Prokofiev typisch ist: Das Auseinandersetzen mit den klassischen Formen (hier im wörtlichen Sinne: der formale Aufbau des Streichquartetts der Wiener Klassik à la Beethoven) und das transponieren dieser formalen Hülle in eine eigene, moderne Klangsprache. Prokofiev konnte innovativ und neu sein, ohne althergebrachte Tradition dafür aufzugeben.
In der Sonate für zwei Violinen steckt ein anderes Element Prokofievscher Musik: Neugierde. Inspiriert durch eine wenig gelungenes Werk für zwei Violinen ohne Klavierbegleitung (es ist nicht überliefert, welches misslungene Werk Prokofiev meinte), die er in Paris für das Gründungskonzert der Gesellschaft für neue Kammermusik “Triton” schrieb, wollte Prokofiev sehen, ob es möglich sei sich »etwas genügend Interessantes auszudenken, den ein Publikum 10-15 Minuten lauschen kann, ohne sich zu langweilen«. Prokofiev schuf in dem dichten, sehr kapriziösem Werk einen spannenden Dialog der zwei Solisten, virtuos und verspielt, dann wieder aufwühlend und emotional: Ein Highlight dieser seltenen Gattung. Vielleicht wird es so selten aufgeführt, weil die beiden Solisten auf ähnlich anspruchsvollen technischen Niveau spielen müssen, ohne dass sich ein Solist markant abheben kann und es nur wenige Violinduos gibt, die als Einheit agieren möchten?
Das zweite Streichquartett, geschrieben im Kriegsjahr 1941 in der (relativen) Sicherheit des kabardinischen Hinterlandes (im Kaukasus, zwischen dem Kaspischen und Schwarzen Meer), in das die Komponisten und Professoren des Moskauer Konservatoriums evakuiert wurden waren. Prokofiev wählte für sein zweites Quartett Motive der lokalen Volksmusik, beließ sie aber roh und ungeschönt, verzichtete darauf die Rhythmik gefälliger oder einheitlicher zu machen: Die Funktionäre der Partei hatten damals offenbar Besseres zu tun, als über die gewünschte (vordergründig gefällige) Ästhetik zu wachen und so entstand ein originelles, (im besten Sinne) äußerst folkloristisches Werk.
Das Pavel Haas Quartet belegt nach seinen zwei fulminanten Debütalben mit Werken der Tschechen Leoš Janáček und Pavel Haas (L. Janáček Quartett No. 2; P. Haas Quartett No. 2, Supraphon 2006 und L. Janáček Quartett No.1; P. Haas Quartett Nos. 1 & 3, Supraphon, 2007), dass es auch außerhalb der Literatur seines Heimatlandes zu überdurchschnittlichen Einspielungen fähig ist: Dieses junge, nicht-russische Ensemble, das nicht mehr im Zeitalter des Block-Denkens aufgewachsen ist und das sich mindestens in der mitteleuropäischen Musik ebenso zu Hause fühlt, wie in der osteuropäischen (oder gar in der dezidiert “sowjetischen” des zweiten Streichquartetts), kommt mit diesen so vielschichtigen Werken so gut, so natürlich zurecht. Gerade in den schnellen, verspielten Sätzen mit ihren Kantilenen, verzücken die vier Musiker mit ihrer überschäumenden Musikalität. Ebenso beeindruckend ist die solistische Leistung der beiden Violinistinnen Veronika Jarůškova und Eva Karová in der Sonate für zwei Violinen: Virtuos, aber sich nicht zu sehr in den Vordergrund spielend, erwecken sie das gewiss nicht leichte (und leicht zu spielende) Stück zum Leben.
Die CD des Pavel Haas Quartet mit Werken von Sergei Prokofiev ist am 20. Januar 2010 auf Supraphon (3957-2) erschienen und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de (Links öffnen die jeweilige Produktseite) bestellt werden.
Inhalt:
- Streichquartett No. 1, h-Moll, op. 50
- Sonate für zwei Violinen, C-Dur, op. 56
- Streichquartett No. 2, F-Dur, op. 92
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