UPDATE: s. auch → Interview mit Tobias Koch: Über Robert Schumann, das »Album für die Jugend« und mehr (Juni 2010)
Gestern erschien auf blog.coadex.de die Rezension des neuen Albums des Düsseldorfer Pianisten Tobias Koch “Robert und Clara Schmann: Klavierwerke aus Dresden” und wurde als “CD des Monats” hier im Blog ausgezeichnet. Hier nun ein langes eMail-Interview, dass ich im Vorfeld der Besprechung mit Tobias Koch geführt habe. Ich habe mich entschlossen es, trotz seiner beträchtlichen Länge, ungekürzt zu veröffentlichen. Ich bin sicher, die Leser werden ebenso wie ich die ausführlichen und frischen Antworten dieses ungewöhnlichen Pianisten zu schätzen wissen:
Das Album “Robert und Clara Schumann: Klavierwerke aus Dresden” ist nun erschienen. Die vorab veröffentlichten Besprechungen (Platte der Woche auf mdr Figaro) waren durchweg sehr positiv. Sind Sie selbst mit dem Ergebnis, so wie es jetzt im Laden steht, zufrieden?
Um Himmelswillen, zufrieden?! Die Vorstellung, eigene Aufnahmen abhören zu müssen, entspricht exakt meinen Alpträumen von der bösartigsten aller denkbaren akustischen Folterkammern. Dann lieber mit zweiundzwanzig Mobiltelefonen, Metronomen oder Marihuanazüchtern in einer Streichholzschachtel eingesperrt sein … Wirklich, ich bin einfach nicht entspannt, wenn ich mir selber zuhöre, und so geht es wohl auch den meisten Kollegen – wenn sie ehrlich sind. Warum? Sie kennen doch bestimmt das Phänomen, wenn Sie die Tonaufnahme Ihrer eigenen Stimme hören. Sie haben sich zum Beispiel mit einem Freund verabredet, auf seinen Anrufbeantworter gesprochen, und stehen dann Stunden später plötzlich in seiner Wohnung, weil er vor der Verabredung noch nicht zuhause war, und nun kommen Sie zusammen da an, er hört ab und Sie sind drauf: Das befremdet doch sehr, nicht wahr?
Aber ein Freund von mir, ein Möbeldesigner, hat mir neulich gesagt: »Man soll seine Produkte lieben«. Recht hat er ja auch! Natürlich freue ich mich also, dass die CD nun da ist, und dass Andere sie zu mögen scheinen. Es steckt ja nicht nur Arbeit, sondern noch mehr Herzblut darin, lange Vorbereitung und viele unausgesprochene Wünsche, die man nur in der Musik äußert. Außerdem ist dies die erste Aufnahme auf meinem neuen Instrument. Das ist ja gewissermaßen der beste Freund, dem man tagtäglich so Vieles anvertraut. Da war ich im Studio auf jeden Fall in guter Gesellschaft. Und schön ist auch, dass ich bei meiner Plattenfirma fast unbegrenzte Freiheiten genieße, nicht nur, was die Repertoirewahl betrifft, sondern ich kann auch meine Gedanken zur Aufnahme im Beiheft niederlegen, die Fotos und Abbildungen selber auswählen – und darum will ich jetzt einfach mal versuchen, damit zufrieden zu sein!
Wie sind Sie auf die Idee gekommen ausgerechnet die Dresdner Jahre der Schumanns auf einem Album zusammen zu fassen? Gibt es Ihrer Meinung nach eine programmatische, stilistische Überschrift über all diesen Werken oder verbindet die Märsche, op. 76, die Waldscenen op. 82 und die Fugen, op. 72 nicht viel mehr als die Zeit und den Komponisten?
Ich mache bei Genuin ja zur Zeit eine Reihe von Aufnahmen mit den späteren Klavierwerken von Schumann. Also Alles, was nach der ‘berüchtigten’ Serie der Opera 1 bis 23 kam. Das waren ausnahmslos Klavierwerke, darunter die großen Schumann-Hits wie Kreisleriana, Carnaval, Davidsbündlertänze, und so weiter. Danach kam ja bei Schumann erst einmal eine Tastenpause, aber dann kehrt er doch immer wieder zum Klavier zurück, zu seinem ganz privaten Medium. Der ganze Horizont von Schumanns Arbeit an Liedern, Orchesterwerken und Kammermusik wird in diesen späteren Klavierstücken hörbar. Diese Werke sind gewiss viel weniger populär als die frühen Werke. Mich haben sie allerdings schon immer besonders fasziniert. Es gibt ja auch immer wieder die Diskussion, dass Schumanns Spätwerk unter dem Einfluss seiner Krankheit und seines tragischen Endes stünde, seine schöpferische Kraft also nachgelassen hätte. Das glaube ich ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Er ist meiner Meinung nach zu neuen Ufern aufgebrochen! Der Mann hat ja auch eine sehr systematische Ader gehabt und sich die einzelnen Gattungen gewissermaßen zyklisch erschlossen. Nach dem Klavier kam eben das Lied, dann das Streichquartett, die Oper … Als Continuum dazwischen immer wieder Klaviermusik, bis zum Ende. Und es könnte keinen größeren Gegensatz zwischen dem Opus 1, der selbstverliebten Galanterie der “Abegg-Variationen” und dem letzten Werk, den minimalistischen sogenannten “Geistervariationen” geben, die auf der Stelle treten und gerade dadurch in Bewegung geraten.
Aber es gibt bei Schumann immer ein paar Konstanten, und dafür habe ich ihn sehr gern: Wichtig ist bei ihm jederzeit das kontrapunktische Element. Er hat »auf wenige Takte, oft Noten, ganz wundersame Stücke gegründet, durch die sich jene Anfangslinien in unzähligen Verschlingungen hindurchziehen. Bei aller Einfachheit dabei sprachvoll aus dem Herzen« – so sagt er es selbst, und man könnte es nicht schöner anders ausdrücken. Schumann ist auch irgendwie sehr ‘deutsche’ Musik: Stets kommt irgendein Marschthema latent zum Vorschein. Und dann gibt es dieses Changieren zwischen traumverloren-tiefinnerer Zwiesprache mit sich selbst. Ohne beschönigende Überblendung schließt sich daran Euphorie an, die sich auf der Tastatur manchmal wie Hektik anfühlt. Eusebius und Florestan … Haben Sie nicht auch ein “alter ego”?
Ganz wichtig ist in Schumanns Dresdner Zeit die starke Fixierung auf kontrapunktische Muster, und damit der Bezug auf Bach, seinen Übervater. Das kommt nicht nur in den Fugen durch, sondern gerade auch in den “Waldszenen”, und dazu habe ich im Beiheft auch ausführlich Stellung bezogen. Aber man soll es hören und erleben, es muß nicht erklärt werden. So ist das Wesen der Musik …
Interessanterweise hat Andreas Staier ungefähr zur gleichen Zeit wie ich eine wunderbare Schumann-Platte mit dem gleichen Thema gemacht, in der er teilweise auch dasselbe Repertoire spielt wie ich. Er nennt die CD “Hommage à Bach”, Andreas spielt auch auf einem Erard, aber auf einem anderen Instrumententyp. Wir kennen uns sehr gut, und haben uns immer viel über Schumann ausgetauscht, aber nie am Klavier. Doch ich werde den Eindruck nicht los, als gäbe es da den gleichen Ansatz, das gleiche Suchen und Finden. Neulich habe ich mir den Spaß gemacht, die Zeiten, die wir für einzelne Stücke der Waldszenen brauchen, zu vergleichen. Es ist verrückt, aber oft haben wir fast bis auf die Sekunde genau die gleichen Tempi. Die Suche nach dem richtigen Tempo … aber das ist ein anderes Thema!
Das neue Album ist, wie all ihre Genuin-Alben mit Werken von Schumann, Mendelssohn, Burgmüller und Mozart auf “ursprünglichen Instrumenten” (eine schöne Formulierung) eingespielt worden …
Jaja, für den ein wenig umständlichen Begriff “ursprüngliche Instrumente” habe ich schon manche Schelte eingesteckt. Er ist in Überlegung mit einer meiner Duo-Partner, der Geigerin Lisa Marie Landgraf, entstanden. Heutzutage heißt es ja auf dem Cover meistens: “Auf historischen Instrumenten”. Aber “historisch” ist ja irgendwie alles, auch die letzte Zigarre, die Churchill geraucht hat, und bei Klavieren fallen darunter ebenso Nachbauten von historischen Instrumenten, die aber eigentlich ganz neue Instrumente sind. Kopien eben. Und auch Horowitz´ Steinway ist ja jetzt ein historisches Instrument! Mein Konzept war es von Anfang an, nur auf wirklich “ursprünglichen Instrumenten” zu spielen, ich war immer auf der Suche nach dem idealen Klang – gerade weil es den gar nicht gibt! Außerdem sehen diese Klaviere, Clavichorde, Cembali auch traumhaft schön aus. Es sind ja auch Möbelstücke und Zeugen eines Kunsthandwerks, das heute kaum noch in dieser Exklusivität existiert! Die Suche danach ist nicht einfach, und die Instrumente müssen natürlich auch in “ursprünglichem” Zustand erhalten sein, man muss sich durchaus an sie gewöhnen, sich ihre Eigenheiten mit Geduld erschließen. Aber sie haben für mich eine einzigartige klangliche Magie, die weit über jede perfekte Kopie hinausgeht – und es gibt sie! Das Cembalo, auf dem ich Mozart-Violinsonaten eingespielt habe, ist in Paris noch vor der französischen Revolution gebaut worden und dann von Hand zu Hand gegangen. Alle diese Claviere haben eine lange Geschichte, man muß Ihnen zuhören, kann nichts fordern. Sie geben alles von selber, nicht mehr – und nicht weniger. Alles Andere also als ein klanglicher Selbstbedienungs-Supermarkt, wie es oft beim modernen Flügel der Fall ist. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe nichts gegen moderne Flügel, aber auch nichts dafür … ich höre und spiele einfach anders. Und das war schon immer so.
Auf dieser Aufnahme spielen Sie auf einem wundervollen Erard aus dem Jahre 1852, dessen Klang unüberhörbar von unserem heutigen modernen Konzertflügel abweicht. Wie kommt man heutzutage an solch ein Instrument?
Den Flügel für diese Aufnahme habe ich von einem guten Bekannten, dem belgischen Pianisten und Dirigenten Jos van Immerseel gekauft, von dem ich viel gelernt habe. Da ist überhaupt keine Romantik dabei gewesen. Ich hörte, er habe in einem schicken Schloss an der Loire gestanden und eine Komtesse hätte darauf ihre Fingerübungen gemacht. Aber das ist mir völlig egal. Er stand einfach da in Antwerpen, Jos wollte ihn verkaufen, und ich habe sofort das Potential gesehen, das der Flügel hatte. Das war Liebe aufs erste Ohr. Der 2,55 m-Flügel war in perfektem Zustand, hat nur neue Saiten und ein paar neue Filze bekommen. Das ist alles. Ich habe dann viel darauf gespielt und mich ziemlich kurzfristig entschlossen, darauf diese Schumann-Aufnahme zu machen. Er ist trotz des großen klanglichen Volumens ganz transparent und schien mir einfach das ideale Instrument für genau dieses Repertoire zu sein. Die Schumanns haben die Erard-Flügel natürlich auch geschätzt und das Instrument passt in die Zeit und ihr Umfeld. Das kommt dazu und ist mir auch ganz wichtig und eine Wissenschaft für sich …
Ist es eine große Umstellung für Sie als Pianist, wenn Sie sich immer wieder auf neue Instrumente einstellen müssen?
Zu einer meiner Lieblingsbeschäftigungen gehört, auf ‘Klaviersafari’ zu gehen. Immer wieder neue Instrumente kennenlernen, jedes Mal ein Abenteuer! Nicht immer geht es übrigens glücklich aus. Was glauben Sie, was ich schon gesehen habe, als ich manchen Klavierdeckel aufgemacht habe! Manchmal wohnen noch die Ratten darin, die mögen Filz so gerne! Ich habe es nie verstanden, warum man in jeder Philharmonie, in jedem Konzertsaal immer nur Steinways stehen hat. Die sind ziemlich uniform im Klang, und das führt beim Publikum dazu, dass man auf die besondere Stimme des Instrumentes gar nicht mehr hört. Es ist eben einfach ein Klavier. Dabei ist die Stimme des Instrumentes doch auch wichtig, und so wie sie bei der Callas ganz anders ist als bei Anna Netrebko, so sollte es meiner Meinung auch beim Klavier sein. Da ist unglaublich viel Sensibilität verloren gegangen inzwischen. Allerdings klingen die modernen Instrumente alle ziemlich gleich, ob es nun ein Steinway, ein Bechstein, oder ein Bösendorfer ist. Früher war das völlig anders. Es gab riesige regionale Unterschiede im Klavierbau. Die Kritiker haben immer auch über das Instrument geschrieben. Haben Sie in einer aktuellen Pollini-Kritik mal etwas über das Instrument gelesen, auf dem er spielt? Ich nicht.
Für wie wichtig erachten Sie es, dass man auch die Werke der Wiener Klassik und der Romantik historisch informiert spielt? Werden wir ihrer Meinung nach in ein, zwei Jahrzehnten mit dem selben Unverständnis die alten Aufnahmen dieser Musik auf modernen Instrumenten als überholt betrachten, wie wir es heute mit den Barock-Aufnahmen früherer Tage tun? Und woher kommt dieser ganz und gar unkritische Umgang mit der Romantik ihrer Meinung nach?
Jetzt erwarten Sie aber bitte kein Credo von mir! Die Hörgewohnheiten werden sich bestimmt weiter ändern, davon bin ich bin überzeugt. In Belgien und in Holland ist die historische informierte Aufführungspraxis in vielen Bereichen schon längst der eigentliche status quo im Konzertleben. Darum bin ich dort auch für einige Jahre hingezogen, um dort zu lernen und damit zu leben. In Deutschland ist das Alles noch nicht so weit, man kategorisiert hier noch so schrecklich viel, und man bleibt oft im Rekonstruktivismus stecken. Macht nichts, es kommt! “Historisch informiert” finde ich übrigens auch wieder so eine Kategorisierung. “Historisch inspiriert” wäre die passendere Formulierung. Denn: Authentizität gibt es nicht und wird es auch nicht geben. Wir leben in einer anderen Zeit als Mozart oder Schumann. Punktum. Man kann sich aber der Vergangenheit annähern. Ich habe sogenannten Aufführungstraditionen, wie sie hierzulande an den meisten Musikhochschulen vermittelt werden, immer kritisch gegenübergestanden. Man soll etwas so und so machen, weil es der und der auch so macht. So ein Quatsch! Daran glaube ich einfach nicht. Die Suche eben auch nach dem verlorenen Klang, und genauso nach allen anderen erreichbaren Quellen, gehört mit zum Schönsten, was mich erfüllt. Man bleibt einfach wach dabei, es ist wie ein Geschenk. Und es ist spannender als jeder Krimi. Aber das heißt jetzt nicht, dass ich moderne Instrumente und Interpretationen privat verteufele, ganz im Gegenteil: die Live-Aufnahmen von Horowitz finde ich schlicht genial, und mein Düsseldorfer Studienkollege Fazil Say ist auch eine ganz große Inspiration für mich. Und die spielen nur auf Steinway – das finde ich ganz prima. Aber natürlich suchen sie etwas Anderes als ich. Das macht jeder so, wie er meint. Nur ehrlich soll man bleiben! Das spürt man am ehesten natürlich im Konzert. Man soll sich nicht über die Musik stellen. »Immer aber ist´s besser, der Virtuos gibt das Kunstwerk, nicht sich« – O-Ton Schumann. CD-Aufnahmen sind eben nur Momentaufnahmen, das soll man in keinem Bereich überschätzen, meine ich.
Der historischen Aufführungspraxis wird von Kritikern vorgeworfen, dass sie “interpretationslos” sei, dass sich der Ansatz lediglich auf die möglichst genaue, mechanische Wiedergabe der Noten mit einem möglichst genau rekonstruiertem Instrumentarium beschränkt, dass die Interpretation des Künstlers auf alten Instrumenten nicht gewollt, ja gar nicht (oder nur sehr schwer) möglich ist, dass erst unsere modernen Instrumente die Interpretationskultur im heutigen Sinne ermöglicht haben. Was erwidern Sie den Skeptikern, denen ihr Schumann nicht romantisch genug ist?
Um es zunächst einmal mit Meister Schumann zu sagen: »Ich bin des Wortes “Romantiker” von Herzen überdrüssig, obwohl ich es nicht zehnmal in meinem Leben ausgesprochen habe.« Also nix Träumerei am Kaminfeuer mit Rotweinglas, Zigarre und Melancholie am Feierabend auf Knopfdruck! Zum Beispiel die “Träumerei” ist alles Andere als ein melancholisches Stück, wenn Sie genau in die Noten sehen und Tempo, Artikulation und Dynamik so umsetzen, wie es da steht.
Aber diese ganzen Diskussionen interessieren mich nicht so sehr. Es ist doch ganz simpel: Natürlich haben Bach, Mozart, Schumann oder Liszt genau für die Instrumente geschrieben, die sie kannten, und sich von ihren Eigenarten inspirieren lassen. Die wussten genau Bescheid, was möglich war und haben sich mit den Klavierbauern über alles Mögliche verständigt. Darum suche ich immer nach genau den Instrumenten, welche die Komponisten zuhause hatten und die sie geschätzt haben. Heute spielt man dann alles auf einem Steinway. Da möchte ich nur sagen: Wenn Sie italienisch kochen wollen, kaufen Sie doch auch nicht in einem japanischen Feinkostladen dafür ein, oder? Und noch Eines: Vom Erard-Flügel, auf dem ich die neue Schumann-Platte aufgenommen habe, kann man als Pianist alles fordern, und bekommt auch alles. Der Flügel kann donnern und flüstern, und hat ein enormes Volumen, ist dabei aber sehr elegant im Klang. So ist es mit den anderen Instrumenten auch. Auf einem Mozart-Hammerflügel spielt man ja auch keinen Rachmaninov.
Bisher habe Sie schwerpunktmäßig romantische Werke auf Originalinstrumenten aufgenommen. Haben Sie ein besonderes Interesse an dieser Epoche bzw. an der korrekten Wiedergabe der Musik dieser Epoche?
Eigentlich ist das 19. Jahrhundert für mich von der Gegenwart genau so weit weg wie die Steinzeit. Wir führen dieses Interview ja auch nicht mithilfe eines Postillions, der unsere Billets mit fröhlichem Hörnerschall über Stock und Stein spediert. Wir haben uns ja über Facebook für dieses Gespräch verabredet! Aber doch ist die Vergangenheit ganz wichtig, und unser Bewusstsein funktioniert ja nur, wenn wir von dort aus in Richtung Zukunft schauen, aber eben in der Gegenwart. Da möchte ich auch meistens zuhause sein. Dem Endlichen einen unendlichen Schein geben, wie Novalis es ausdrückt, gefällt mir aber trotzdem sehr gut. Wie viel Romantik verträgt die Gegenwart? Das frage ich mich oft.
Ganz spannend wird es aber bei der romantischen Aufführungspraxis. Die Barockmusik ist sehr intensiv erforscht und klanglich dokumentiert worden. Bei der Musik des 19. Jahrhunderts gibt es aber noch viel zu entdecken, und entsprechend dazu zu sagen. Darum habe ich hier einen Schwerpunkt für mich gesetzt in den letzten Jahren. Aber die historisch-infomierte Aufführungspraxis ist ja schon bei Johann Strauß und Ravel angekommen. Das ist auch gut so, denn zu den Quellen sollte man immer finden. Ich habe das Alles aber immer sehr entspannt gesehen. Ich höre gerade ziemlich viel Marvin Gaye und Ray Charles. Von deren Phrasierungskunst lerne ich auch ganz viel. Spezialisten waren mir immer suspekt, und Ausschließen soll man nichts. Franck Christoph Yeznikian, ein französischer Komponist, schreibt gerade ein multimediales Klavierstück für mich, das mit Schumann zu tun hat. Mein Lieblingsinstrument ist nach wie vor das Cembalo. Da ist der Kontakt zur Saite, die angerissen wird, ganz direkt. Das Klavier ist ja eigentlich auch ein Saiteninstrument und nicht eine Maschine. Aber auch ein Fender-Rhodes E-Piano oder eine mitteltönig gestimmte Orgel können mich als Tastenmensch betören!
In der Biografie auf ihrer Website steht etwas über eine “besondere Affinität zu enzyklopädischen Projekten”. Stehen demnächst wieder Aufführungen sämtliche Klavierwerke von Mozart, Haydn, Schubert, Schumann, Janáček oder Schönberg auf dem Programm – und ist es ein Zufall, dass in ihrer Biografie die Namen Bach und Beethoven nicht vorkommen?
Diese großen Projekte habe ich jetzt eine ganze Weile betrieben. Ich möchte immer alle Werke eines Komponisten kennen, erst dann versteht man ja seine Sprache, das ist unglaublich hilfreich für mich. Darum spiele ich auch meistens nur Werke von einem Komponisten in meinen Konzerten. Gemischtwarenläden sind einfach nicht so interessant für mich. Ich kaufe auch lieber im Einzelhandel als im Supermarkt ein. Aber inzwischen bin ich etwas abgekommen von großen zyklischen Aufführungen. 2010 gibt es sehr viel Schumann und Burgmüller in meinen Programmen, die beiden werden ja jetzt 200 Jahre jung. Aber auch andere Jubilare, zum Beispiel Chopin, sind dabei. Ich spiele ziemlich ab Februar ziemlich oft eine Art Revue-Programm unter dem Titel “Generation 1810″. Da gehören auch noch Louis Schuncke, Otto Nicolai, Ferdinand David, Ferenc Erkel und Ole Bull dazu. Die haben alle tolle Klavierwerke geschrieben.
Und ob Sie es glauben oder nicht: Nächstes Jahr gibt es zwei Programme, die sich ganz auf Bach und Beethoven konzentrieren. Da sitze ich schon seit längerem an der Konzeption.
Ein Ausblick auf Ihre zukünftigen Projekte: Welche Alben können wir von Ihnen demnächst erwarten und welche würden Sie gerne einspielen (denn das muss nicht immer dasselbe sein)?
Diesen Sommer kommt noch ein Schumann-Doppelalbum bei Genuin heraus, das ich vor Kurzem im Deutschlandfunk aufgenommen habe. Darauf ist die ganze Klaviermusik für Kinder von Schumann versammelt, das “Album für die Jugend”, “Klaviersonaten für die Jugend”, und eine ganze Reihe von Ersteinspielungen darum herum. Darunter völlig unbekannte Sachen wie Schumanns “Lehrgang durch die Musikgeschichte”, eine Sammlung von Kompositionen von Bach bis Weber, die er für seine Kinder zusammengestellt hat. Das Ganze auf zwei wunderbaren Flügeln. Mit meiner Lieblingspartnerin Sara Koch (nicht verwandt und nicht verschwägert!) gibt es auch noch ein wunderschönes Duo, damit beide Flügel einmal zusammen gehört werden können. Da können Sie dann raten – was ist was … Das wird also etwas ganz Besonderes, mit manchen Überraschungen. Ich meine übrigens, das “Jugendalbum” ist das am Meisten unterschätzte Klavierwerk von Schumann!
Was noch kommt? Eine Kammermusikplatte mit Werken des Spätromantikers August Klughardt, und hoffentlich auch Norbert Burgmüllers und Schumanns Klavierkonzert. Das ist gerade in der konkreten Planung. Und dann demnächst auch Bach, Beethoven, und Ferdinand Hiller. Und was ich gerne machen würde? So furchtbar Vieles! Ein Traum wäre, einmal auf einer der ältesten Kirchenorgeln der Welt, nämlich auf der Schwalbennestorgel von 1435 in der Kathedrale im schweizerischen Sion eine Aufnahme zu machen. Deren reinen Klang liebe ich über alles. Die höre ich mir so oft ich in der Gegend bin, immer wieder an. Ja, ich bleibe auf jeden Fall auf der Suche nach dem idealen Klang!
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sehr schöne Ansichten eines Zeitgenossen.
Es ist immer wieder interessant, von Tobias Koch etwas zu seiner intensiven Beschäftigung mit Robert Schumann zu hören und zu lesen. Noch eindringlicher wirkt, ihm selbst zu begegnen und ihm zuzuhören. Dabei steht vor dem persönlichen Gespräch seine pianistische Interpretation von Werken Schumanns eindeutig im Vordergrund. Sie vermittelt in besonderer Weise den Geist Schumanns.
Ein grossartiger Beitrag zum Schumannjahr 2010, vor allem, weil der Pianist Tobias Koch seinen wie es scheint sehr direkten Zugang zum Komponisten so entspannt vermittelt. Wie viel Romantik vertraegt die Gegenwart? Gute Frage und gute Antworten!
Mehr zum Thema verraet Tobias Koch uebrigens in einem Radiointerview beim Bayerischen Rundfunk:
http://www.br-online.de/br-klassik/meine-musik/meine-musik-tobias-koch-pianist-ID1268475784541.xml
Ziemlich wortgewaltig, und köstlich wie er über seinen Flügel spricht, wie er ihn gekauft hat. Ich habe ein Gesprächskonzert mit ihm erlebt, wo er ganz ähnlich zur Musik erzählt hat. Mir gefällt es gut, dass Tobias Koch nicht so viel über die Musik an sich spricht, sondern mehr über das “wie” und “warum”. Jemand hat gesagt, über Musik sprechen ist wie über Architektur tanzen. Ich bin sehr gespannt auf die nächste Schumann CD mit der Kindermusik. Wann kommt sie eigentlich heraus?
Leider habe ich noch keine gesichterte Info über das VÖ-Datum, aber wenn es beim ursprünglich anvisierten Termin bleibt, dann sollte das Album Ende Mai erscheinen. Sobald ich die Neuerscheinungsliste für Mai habe, werde ich in gewohnter Manier die Highlights daraus hier posten.
So, ich habe nun die Bestätigung: Robert Schumann – Klaviermusik für die Jugend von Tobias Koch erscheint am 21. Mai als Doppel-CD auf Genuin.
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Ich freue mich auch schon sehr auf das Album.