Eckart Runge und Jacques Ammon

Eckart Runge und Jacques Ammon, Bild © Cello Project

Schon das Debütalbum “Cellotango” (Genuin, 2008) des Cello Project (mal groß, mal klein geschrieben; mal zusammen, mal getrennt, Anm. d. Red.) konnte Kritiker und Musikfreunde gleichermaßen überzeugen: Das war klassische Musik mit Tanz- und Verführungspotential, unverkrampft, gefühlvoll und beschwingt, die Grenzen des Genres bewusst auslotend und erweiternd. Schon mehrfach zuvor hatten das Duo Eckart Runge (Cello) und Jacques Ammon (Klavier) unter eigenen Namen sich dem Tango und der Filmmusik auf viel beachteten, leider derzeit vergriffenen Alben (“Cello Tango”, “Piazzolla & Passion”, “Contrapunctango” und “Cello Cinema”) zwanglos und kompetent genähert. Als aus dem Duo das Markenzeichen “Cello Project” wurde, beschäftigte man sich mit dem, was zuvor schon im Mittelpunkt der Interpretationen der beiden Musiker stand, dem Tango. In der Lesart der beiden Wahl-Berliner wurde die Musik von Astor Piazzolla, Carlos Gardel und Co. nicht etwa geglättet, sie beließen ihr ihren sinnlichen Charakter, legten aber auch den klassischen Unterbau der Kompositionen frei, befreiten den Tango vom Nimbus der bloßen Unterhaltungsmusik, ohne ihr das Unterhaltsame zu nehmen.

Ein ähnliches Konzept verfolgten die beiden mit Runges Stamm-Ensemble, dem Artemis Quartett (zweifelsohne eines der aufregendsten und elektrisierendsten Streichquartette Deutschlands) auf dem Album “The Piazzolla Project” (Virgin Classics, 2009). Runge und Ammon (mit oder ohne Verstärkung des Artemis Quartett) belegten, dass sie Suchende sind, deren musikalisches Weltbild keine Grenzen kennt, keine Grenzen anerkennen will.

Das neue Album des Duos geht diesen entdeckenden, non-konformistischen Weg weiter, aber der Weg führte in eine Richtung, die man vielleicht nicht als nächstes bei dem Duo vermutet hätte, mitten ins Herz der russischen Seele nämlich. Auf “Russian Soul” spielt das Duo Werke von Sergei Rachmaninov (1873-1943) und Musik des zeitgenössischen russischen Komponisten Nikolaj Kapustin (*1937), eine Kombination, die auf den ersten Blick verwunderlich ist: Der ‘letzte Romantiker’ Rachmaninov (mit seiner Musik, die schon zur Entstehungszeit als anachronistisch empfunden wurde) und ein Komponist, der hierzulande nahezu unbekannt ist und dessen Musik alles andere als in der Tradition des Spätromantikers Rachmaninov zu stehen scheint. Und doch: Sowohl die Gesanglichkeit der Musik Rachmaninovs, als auch die (fast) jazzig anmutende, moderne Musik Kapustins sind durch und durch von dem durchdrungen, was wir in Mitteleuropa so gerne “die russische Seele” nennen und damit das Unergründliche, das Traurige, das Beklommene, das Ironische und das Lebensfrohe in einem meinen. “Russian Soul” ist eine Reise durch die Winkel der russischen Seelenmusik, mit ihren melodiösen, melodramatischen, lyrischen und (last but not least) modernen Aspekten. Die Sensation des Albums die Musik Kapustins, dessen “durchkomponierter Jazz” eine neue, bisher gut verborgene Facette der “russischen Seele” offenbart. Wie schon auf “Cellotango” entstauben Ammon und Runge unser Verständnis von klassischer Musik und spielen unverkrampft, aber gekonnt auf.

Ebenfalls bemerkenswert finde ich sowohl das Artwork des Albums mit seinen ungewöhnlich witzigen Bildern, als auch die von Eckart Runge verfassten, hochinteressanten Liner Notes über die Entstehungsgeschichte des Albums.

Cello Project – Russian Soul gehört zu den spannendsten und gelungensten Codaex-Veröffentlichungen des Monats Januar 2010 und erhält das Prädikat “Die besondere CD“.

Musik und Interpretation
Klangqualität
Cover und Aufmachung

Russian Soul erscheint am 22. Januar 2010 auf Genuin (89150)  und kann im Fachhandel erworben oder bei großen Buch- und CD-Versendern wie → amazon.de und → jpc.de, sowie direkt bei → genuin.de (Links führen auf die jeweilige Produktseite) bestellt werden.

Inhalt:

  1. Sonata no. 2, op. 84 (Nikolai Kapustin)
  2. Melody (Sergei Rachmaninov)
  3. Vocalise op. 34, no. 14 (Sergei Rachmaninov)
  4. Burlesque, op. 97 (Nikolai Kapustin)
  5. Elegy, op. 96 (Nikolai Kapustin)
  6. Nearly Waltz, op. 98 (Nikolai Kapustin)
  7. Sonata g minor, op. 19 (Sergei Rachmaninov)

Linktipp → Videos der Projekte cellotango, cellocinema und Russian Soul

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