Archiv für Januar 2010
Tendenziell gilt klassische Musik als ernsthaft und seriös (seltsamerweise vor allem bei jenen, die sie nicht regelmäßig hören), aber kann klassische Musik wirklich zum Brüllen komisch sein? Der Violinist Aleksey Igudesman und der Pianist Richard Hyung-ki Joo belegen, dass man virtuose Darbietungen und Komik exzellent miteinander verbinden kann. Auf ihrer jetzt erschienenen Debüt-DVD “A Little Nightmare Music” entfachen die beiden Musiker und Komiker ein echtes Feuerwerk an vorder- und hintergründigen Gags rund um die klassische Musik (und um Musiker). 400 Jahre Musikgeschichte in einer Stunde Gag-Feuerwerk: Die Sketche sind so witzig, so originell und so voller schwarzen Humor, dass man gar nicht anders kann, als kichernd und lachend vor dem Bildschirm zu sitzen, ganz gleich, ob man ein Klassikexperte oder ein Klassikverweigerer ist. Die Pointen versteht man auch ohne große Klassiksammlung und die einfachen, kurzen Dialoge auf Englisch sollten auch niemanden Mühe bereiten. Kein Wunder, dass die beiden Komiker/Musiker bei der Nokia Night of the Proms die Publikumslieblinge waren und in ganz Europa Erfolge feierten.
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Schlagwörter: Comedy, DVD, Klassik
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Die Musik von Sergei Prokofiev (1891-1953) ist immer schwer auszurechnen: Obwohl Prokofiev über einen ziemlich ausgeprägten Stil verfügt, weiß man vorher nie, was einen erwartet. Prokofiev hat einige der bekanntesten und bezauberndsten Themen des 20. Jahrhunderts geschrieben (man denke nur an den ersten Satz der “Symphonie Classique”, das Thema aus “Peter und der Wolf”, das durch Stings “Russians” berühmte gewordene Thema aus der Lieutenant Kijé Suite oder den kraftvollen “Tanz der Ritter” aus der Ballettmusik zu “Romeo und Julia”, zigfach in der Werbung zitiert), er hat aber fragile, intensive, introspektive und in sich verwobene und kunstvoll ausgearbeitete Musik geschrieben, die leider viel zu selten wahrgenommen wird. Prokofiev ist, gemessen an seinem Werk, ein Komponist, der zu oft auf wenige eingängige Themen reduziert wird. Als der wichtigste sowjetische Komponist neben Dmitri Shostakovich tritt Prokofiev in den letzten Jahren immer weiter in den Hintergrund (oder wird eben auf seine Greatest Hits reduziert), derweil Shostakovich immer mehr erforscht, interpretiert und verstanden wird. Dass Prokofievs Musik auch jenseits der populären Themen hörenswert ist, dass sie in ihrer Intensität auch heute noch über die Zerrissenheit des Komponisten, gefangen im stalinistischen System, zu berichten weiß, belegt die neue CD des tschechischen Pavel Haas Quartet, auf der das junge Ensemble aus Prag die beiden Streichquartette, opp. 50 und 92, sowie die selten zu hörende Sonate für zwei Violinen op. 56 eingespielt hat.
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Schlagwörter: 20. Jahrhundert, Kammermusik, Pavel Haas Quartet, Sergei Prokofiev
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 sonic.art Saxophonquartett - Quelle: sonicartquartett.de
sonic.art Quartett, so lautet der interpunktuell originelle Name eines blutjungen Berliner Kammermusikensembles, genauer gesagt eines Saxophonquartetts, bestehend aus (von links nach rechts auf dem Foto) Martin Posegga (Tenorsaxophon), Ruth Velten (Sopransaxophon), Annegret Schmiedl (Baritonsaxophon) und Alexander Doroshkevich (Altsaxophon). Das Besondere am sonic.art Quartett ist, dass es mit Vorliebe Originalliteratur für Saxophonquartett spielt und nur in Ausnahmefällen auf Bearbeitungen zurückgreift. Das hehre Ziel der vier Musiker und Musikerinnen ist es, das Saxophonquartett generell besser im Bewusstsein der Klassikhörer zu verankern. Freilich: Historisches Material für Saxophonquartett kann es schon wegen des ‘jugendlichen’ Alters des Saxophon nicht geben (das erste Saxophon wurde ja von Adolphe Sax 1842 gebaut); den vier Berlinern bleibt also nur der direkte Kontakt zu zeitgenössischen Komponisten. Auf ihrer bemerkenswerten Debütveröffentlichung spielen die vier dann auch folgerichtig ausschließlich Musik der Moderne und mit einer Ausnahme Originalkompositionen für Saxophonquartett.
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Schlagwörter: 20. Jahrhundert, 21. Jahrhundert, Kammermusik, Moderne, Saxophon
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 Tobias Koch - Quelle (alle Bilder): tobiaskoch.eu
UPDATE: s. auch → Interview mit Tobias Koch: Über Robert Schumann, das »Album für die Jugend« und mehr (Juni 2010)
Gestern erschien auf blog.coadex.de die Rezension des neuen Albums des Düsseldorfer Pianisten Tobias Koch “Robert und Clara Schmann: Klavierwerke aus Dresden” und wurde als “CD des Monats” hier im Blog ausgezeichnet. Hier nun ein langes eMail-Interview, dass ich im Vorfeld der Besprechung mit Tobias Koch geführt habe. Ich habe mich entschlossen es, trotz seiner beträchtlichen Länge, ungekürzt zu veröffentlichen. Ich bin sicher, die Leser werden ebenso wie ich die ausführlichen und frischen Antworten dieses ungewöhnlichen Pianisten zu schätzen wissen:
Das Album “Robert und Clara Schumann: Klavierwerke aus Dresden” ist nun erschienen. Die vorab veröffentlichten Besprechungen (Platte der Woche auf mdr Figaro) waren durchweg sehr positiv. Sind Sie selbst mit dem Ergebnis, so wie es jetzt im Laden steht, zufrieden?
Um Himmelswillen, zufrieden?! Die Vorstellung, eigene Aufnahmen abhören zu müssen, entspricht exakt meinen Alpträumen von der bösartigsten aller denkbaren akustischen Folterkammern. Dann lieber mit zweiundzwanzig Mobiltelefonen, Metronomen oder Marihuanazüchtern in einer Streichholzschachtel eingesperrt sein … Wirklich, ich bin einfach nicht entspannt, wenn ich mir selber zuhöre, und so geht es wohl auch den meisten Kollegen – wenn sie ehrlich sind. Warum? Sie kennen doch bestimmt das Phänomen, wenn Sie die Tonaufnahme Ihrer eigenen Stimme hören. Sie haben sich zum Beispiel mit einem Freund verabredet, auf seinen Anrufbeantworter gesprochen, und stehen dann Stunden später plötzlich in seiner Wohnung, weil er vor der Verabredung noch nicht zuhause war, und nun kommen Sie zusammen da an, er hört ab und Sie sind drauf: Das befremdet doch sehr, nicht wahr?
Aber ein Freund von mir, ein Möbeldesigner, hat mir neulich gesagt: »Man soll seine Produkte lieben«. Recht hat er ja auch! Natürlich freue ich mich also, dass die CD nun da ist, und dass Andere sie zu mögen scheinen. Es steckt ja nicht nur Arbeit, sondern noch mehr Herzblut darin, lange Vorbereitung und viele unausgesprochene Wünsche, die man nur in der Musik äußert. Außerdem ist dies die erste Aufnahme auf meinem neuen Instrument. Das ist ja gewissermaßen der beste Freund, dem man tagtäglich so Vieles anvertraut. Da war ich im Studio auf jeden Fall in guter Gesellschaft. Und schön ist auch, dass ich bei meiner Plattenfirma fast unbegrenzte Freiheiten genieße, nicht nur, was die Repertoirewahl betrifft, sondern ich kann auch meine Gedanken zur Aufnahme im Beiheft niederlegen, die Fotos und Abbildungen selber auswählen – und darum will ich jetzt einfach mal versuchen, damit zufrieden zu sein!
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Schlagwörter: Interview, Klavier, Robert Schumann, Romantik, Tobias Koch
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 Robert Schumann
Ich gebe zu, Robert Schumann (1810-1856) gehört eigentlich nicht zu meinen Lieblingskomponisten. Die Romantik, oder vielmehr das, was wir gemeinhin mit romantischer Musik verbinden, erschließt sich mir einfach nicht, dies gilt besonders die Klaviermusik, vielleicht einmal abgesehen von einigen Spitzen-Interpretationen vergangener Generationen (ich denke da an Walter Gieseking). Als ich aber eher zufällig beim ostdeutschen Kultursender mdr Figaro einen Podcast über das Album “Klavierwerke aus Dresden 1845-1849″ des Düsseldorfer Pianisten Tobias Koch hörte (s. dazu diesen → Blogbeitrag), wollte ich zunächst meinen Ohren kaum trauen: Das sollte wirklich Schumann sein? So strukturiert, so klar, so revolutionär, so gänzlich ohne ohne »romantische Gefühlsduselei« auf einem Instrument, das frisch und perlend und ganz und gar anders klang, hatte ich Schumann noch nie gehört.
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Schlagwörter: 19. Jahrhundert, Clara Schumann, Kammermusik, Klavier, Robert Schumann, Romantik
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 G. Connesson - Cosmic Trilogy
Musik ist stets, im Guten wie im weniger Guten, ein Spiegel der Zeit, sie reflektiert die Interessen, die Moden, die Neigungen, die Entwicklungen ihrer Zeit. So ist es nicht verwunderlich, dass Guillaume Connesson (*1970) seine Musik als »ein komplexes Mosaik der modernen Welt« definiert: Popmusik und World Music,Filmmusik, Einflüsse der Minimal Music, des Impressionismus, Jean-Louis Florentz und Henri Dutilleux und nicht zuletzt die beschwörende Kraft der Musik von Krzysztof Penderecki, Connessons Musik ist ein postmodernes Konglomerat an persönlichen Vorlieben und allgegenwärtigen Einflüssen der Gegenwartskultur. Seine Musik klingt hochaktuell und steht dennoch in der Tradition der Musik des 20. Jahrhunderts.
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Schlagwörter: 21. Jahrhundert, Guillaume Connesson, Moderne
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 BIPO, Quelle: artefakt-berlin.de
Hinweis: Dieser Artikel wird regelmäßig geupdated. Neue Presse-, Radio- und TV-Besprechungen werden unten angehängt und mit *Update* versehen.
In der Veröffentlichungswoche des Europa-Debüts des Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra (blog.codaex.de-Besprechung → hier), beschäftigen sich einige Redaktionen in Presse, Funk und Fernsehen mit dem Orchester und seinem gelungenen Debütalbum.
Der Kultursender des Bayrischen Rundfunks, BR 4 Klassik, hat im Rahmen seines Programms Allegro einen hörenswerten Beitrag über das Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra und sein Europa-Debüt mit Werken von Ottorino Respighi, Paul Hindemith und Florent Schmitt gesendet. Den zugehörigen Artikel und den Podcast zum Nachhören des Beitrags gibt es hier → Europäische Kulturhauptstadt 2010: Das Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra auf Allegro | BR-Klassik
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Schlagwörter: BIPO, Sascha Goetzel
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 Heinrich VIII.
Ist es nicht erstaunlich (und so ganz und gar wider unser Verständnis von der Geschichte), dass ausgerechnet zu Zeiten des berüchtigten Königs Heinrich VIII. (1491-1547) die Kunst und Kultur am englischen Hofe aufblühte? Ausgerechnet der nicht zu Unrecht als blutrünstig und erbarmungslos verschriene König von England (von 1509 bis zu seinem Tod 1547) mit seinen sechs Ehefrauen, die abwechselnd starben, geköpft wurden oder geschieden wurden (Der schwarze englische Humor machte daraus dem Abzählreim »Divorced, Beheaded, Died, Divorced, Beheaded, Survived«) war auch ein fähiger Musiker und Komponist. Während seiner Regentschaft und generell zu Zeiten der von ihm mitbegründeten Tudor-Dynastie (1485–1603) im 16. Jahrhundert existierte am englischen Königshof ein professionelles Flötenensemble, die Royal Recorders. Innerhalb dieser Epoche stellt dies somit einen Sonderfall dar, da dies der einzig bekannte Fall jener Zeit ist, an dem über einen Zeitraum von mindestens neunzig Jahren kontinuierlich eine Gruppe fachkundiger Instrumentalisten beschäftigt wurden. Dies mag als Indiz dafür gelten, wie populär die Blockflöte im 16. Jahrhundert war.
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Schlagwörter: Blockflöte, Heinrich VIII., Kammermusik, Renaissance
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 Simon Keenlyside - Lieder
Dass Simon Keenlyside derzeit zu den meistbeschäftigten und besten Baritonen (nicht nur) der britischen Insel gehört, sollte jedem aufmerksamen Beobachter der Szene längst bekannt sein: Seine Leistungen bei einigen der besten Opernaufnahmen der letzten Jahre, etwa bei den “Nozze des Figaro” unter Jacobs (harmonia mundi, 2004) und als “Don Giovanni” unter Charles Mackerras (DVD/ Blu-ray; Opus Arte, 2008) haben sein Renommee als Opernsänger mit exzellenter Stimme, klarer Artikulation und immensen Einfühlungsvermögen beträchtlich vergrößert. Doch Kennlyside hat schon vor seinen spektakulären Opernproduktionen der späten 1990er/200er eine zweite, ebenso beeindruckende Karriere als Lied-Interpret gestartet. Dabei profilierte er sich sowohl als exzellenter Interpret des deutschen Liedes, unter anderem als einer der beteiligten Sänger der epochalen Gesamteinspielung aller Lieder von Franz Schubert (Hyperion, 1987-1999), als auch als versierter Interpret geistlicher und weltlicher französischer Werke. Das alles ist freilich kein Zufall, denn Großbritannien gilt, ähnlich wie Deutschland, schon seit Generationen als Land mit einer besonderen Affinität zur Liedkunst, sei es beim Publikum, sei es bei den Interpreten.
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Schlagwörter: Franz Schubert, Gabriel Fauré, Hugo Wolf, Impressionismus, Lied, Maurice Ravel, Romantik, Spätromantik
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 Claude Debussy
 Maurice Ravel
Als im Dezember 1893 das Streichquartett von Claude Debussy uraufgeführt wurde, war die Reaktion sehr gespalten: Ein Teil der Kritik zeigte sich begeistert, ein anderer Teil – darunter pikanterweise eine Reihe Komponisten – waren von dem Quartett nicht angetan. Dennoch setzte sich das ungewöhnliche Quartett, das so gar nicht in das Schema der klassischen Streichquartetts im Sinne von Haydn und Beethoven passt, nach und nach durch und inspirierte Maurice Ravel, den anderen Hauptvertreter des Impressionismus (obwohl längst nicht alles von Ravel impressionistisch ist) zu seinem Streichquartett, das 1904 uraufgeführt wurde. Das Streichquartett sollte ein Wendepunkt in der Wahrnehmung von Ravel Komponisten darstellen: Zuvor war er allzu oft als Salon-Komponist abgetan worden, das Streichquartett war der bisherige Höhepunkt seines Schaffens und barg – neben einiger struktureller Ähnlichkeiten zum Quartett seines Freundes Debussy – einen ganz persönlichen Charakter.
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Schlagwörter: Claude Debussy, Impressionismus, Kammermusik, Maurice Ravel
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